Hölderlin-Nürtingen

Projekt Gedichtstein Alter Friedhof

Alter Friedhof an der Stuttgarter Straße in Nürtingen

Der alte Friedhof in Nürtingen

Zwei Gedenksteine an der Ruhestätte der Mutter des Schriftstellers Peter Härtling.

 

Konzeptbeschreibung von Ingrid Dolde, Juli 2017
Die Idee, aus dem Konzept der Gedichtsteine, das Härtling-Gedicht „Der Alte Friedhof in Nürtingen“ an einem originalen Ort aufzustellen, konnte trotz erheblicher Widerstände realisiert werden. Die Grabstelle von Peter Härtlings Mutter im Alten Friedhof in Nürtingen konnte man nach Jahrzehnten endlich verorten. Ein Gedicht und eine Widmung erinnern an das Schicksal von Erika Härtling und auch an die zahllosen und vergessenen Schicksale anderer Frauen. Peter Härtling formulierte die Widmung: „Dem Andenken an Erika Härtling (1911–1946) und in Gedanken bei den ungezählten Flüchtlingsfrauen zweier Jahrhunderte.“
Sehr lange hat der große Schriftsteller, der Nürtinger Ehrenbürger, Peter Härtling (1933-2017), nach dem Grab seiner Mutter gesucht. Nach dem Krieg hatte es die 35-jährige Erika Härtling mit ihren beiden Kindern 1945 auf der Flucht nach Nürtingen verschlagen. Sie kam hier nie richtig an. Die Wunden des Krieges waren zu tief. Zuerst war das Schicksal ihres Mannes unklar. Dann kam die Nachricht von seinem Tod. Von einem russischen Soldaten war auf der Flucht in Zwettl, vergewaltigt worden. 1946 beging sie in Nürtingen Selbstmord. Zwar wurde sie auf einem christlichen Friedhof bestattet. Ein Grabkreuz bekam sie nicht.
Der Fliederbaum, an dem Peter Härtling als Kind einst die Grabstelle erkannte, verdorrte. Für Peter Härtling war das Grab deshalb nicht mehr zu verorten. Kaum zu glauben, dass in all diesen Jahren keiner dem Suchenden helfen wollte. Mit diesem Verlust und mit der Erinnerung ging der Dichter auf seine unnachahmliche Art und Weise um: Er schrieb ein Gedicht. Leise im Ton, zögerlich fein die Worte gewählt. Und doch so laut, weil ziseliert präzise in der klagenden Aussage: „So viele Jahre, / meinen die Planeure, / hält die Trauer / nicht“.
„Der alte Friedhof in Nürtingen“ heißt das Gedicht ganz einfach. Und jetzt ist dieses Gedicht auf einem Stein auf dem Grab von Härtlings Mutter zu finden. Gesetzt in den Lettern seiner Schreibmaschine. Davor noch eine Plakette, die Härtling ebenso schrieb: „Dem Andenken an Erika Härtling (1911-1946) und in Gedanken bei den ungezählten Flüchtlingsfrauen“. Den Fliederbaum daneben hat die Stadt gepflanzt.
Peter Härtling hat das Grab des Vaters gesucht und nicht gefunden: „Nachgetragene Liebe“ und „Zwettel“ sind die literarischen Verarbeitungen. Das Grab der Mutter auf dem Alten Friedhof in Nürtingen ist ihm abhanden gekommen, er hat den vermeintlichen Verlust in seinem Gedicht „Der Alte Friedhof in Nürtingen“ beklagt: „so viele Jahre, meinen die Planeure, hält die Trauer nicht“. Er hatte Unrecht und wir waren uns einig, dass es gut war, dass er sich hier getäuscht hat: 2016 konnte das Grab der Mutter 70 Jahre nach ihrem Tod buchstäblich der Vergessenheit entrissen werden. Das Gedicht „Der Alte Friedhof in Nürtingen“ und seine Widmung „Dem Andenken an Erika Härtling (1911-1946) und in Gedanken bei den ungezählten Flüchtlingsfrauen zweier Jahrhunderte.“ sind nun für immer am richtigen Ort. Am 13. Mai 2017 konnte Peter Härtling das Grab seiner Mutter nach vielen Jahrzehnten besuchen. Am 10. Juli 2017 starb Peter Härtling im Alter von 83 Jahren.

 

Nach 70 Jahren 2016 der Vergessenheit entrissen: Das Grab von Erika Härtling

 

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