Hölderlin-Nürtingen

VIDEO 4 / Wald und Natur – bessere Tage

Wald und Natur - bessere Tage

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Wald und Natur – bessere Tage

Der Rundwanderweg führt über Höhenwege mit Aussichtspunkten, durch Wälder und auf Wiesenwegen in „Hölderlins Landschaft“. Hölderlin war ein geübter Wanderer. Er bewältigte 40 bis 50 Kilometer am Tag. In damaliger Zeit war es üblich, viele und lange Wegstrecken zu Fuß zurückzulegen. Doch Hölderlin wollte sich auch ganz bewusst durch das Gehen in der Natur einen Ausgleich zur geistigen Tätigkeit schaffen. Den Nürtinger Spuren des bedeutenden deutschen Lyrikers zu folgend, führt uns die Wanderung weiter in den Bauernwald, heute ist es der Gemeindewald der Stadt Nürtingen, ein typisches Beispiel für die jahrhundertelang intensiv genutzte Kulturlandschaft. Schon bald nach dem Eintritt in den Wald gelangt man zu einer großflächigen Rutschung an diesem relativ steilen Nordhang zur Aich, die weite Flächen oberhalb und unterhalb des Weges umfasst. Das ist typisch für die geologischen Verhältnisse: Die hier anstehenden Räthsandstein-Platten gleiten auf dem darunter liegenden Knollenmergel talabwärts. Die Bäume sind teilweise mitgerutscht und entweder schräg stehen geblieben oder entwurzelt worden. Im Rutschungsgebiet haben sich kleine Tümpel auf tonigem Untergrund gebildet.
„Freilich sehnen wir uns oft auch, aus diesem Mittelzustand von Leben und Tod überzugehn in’s unendliche Seyn der schönen Welt, in die Arme der ewigjugendlichen Natur, wovon wir ausgegangen. Aber es geht ja alles seine stete Bahn, warum sollten wir uns zu früh dahin stürzen, wohin wir verlangen.“ Brief an den Bruder 2. Juni 1796

An die Natur.

Da ich noch um deinen Schleier spielte,
Noch an dir, wie eine Blüthe hing,
Noch dein Herz in jedem Laute fühlte,
Der mein zärtlichbebend Herz umfieng,
Da ich noch mit Glauben und mit Sehnen
Reich, wie du, vor deinem Bilde stand,
Eine Stelle noch für meine Thränen,
Eine Welt für meine Liebe fand,

Da zur Sonne noch mein Herz sich wandte,
Als vernähme seine Töne sie,
Und die Sterne seine Brüder nannte
Und den Frühling Gottes Melodie,
Da im Hauche, der den Hain bewegte,
Noch dein Geist, dein Geist der Freude sich
In des Herzens stiller Welle regte,
Da umfeingen goldne Tage mich.

Wenn im Thale, wo der Quell mich kühlte,
Wo der jugendlichen Sträuche Grün
Um die stillen Felsenwände spielte
Und der Aether durch die Zweige schien,
Wenn ich da, von Blüthen übergossen,
Still und trunken ihren Othem trank
Und zu mir, von Licht und Glanz umflossen,
Aus den Höh’n die goldne Wolke sank –

Wenn ich fern auf nakter Heide wallte,
Wo aus dämmernder Geklüfte Schoos
Der Titanensang der Ströme schallte
Und die Nacht der Wolken mich umschloß,
Wenn der Sturm mit seinen Wetterwoogen
Mir vorüber durch die Berge fuhr
Und des Himmels Flammen mich umflogen,
Da erschienst du, Seele der Natur!

Oft verlor ich da mit trunknen Thränen
Liebend, wie nach langer Irre sich
In den Ocean die Ströme sehnen,
Schöne Welt! in deiner Fülle mich;
Ach! da stürzt ich mit den Wesen allen
Freudig aus der Einsamkeit der Zeit,
Wie ein Pilger in des Vaters Hallen,
In die Arme der Unendlichkeit. –

Seid gesegnet, goldne Kinderträume,
Ihr verbargt des Lebens Armut mir,
Ihr erzogt des Herzens gute Keime,
Was ich nie erringe, schenktet ihr!
O Natur! an deiner Schönheit Lichte,
Ohne Müh und Zwang entfalteten
Sich der Liebe königliche Früchte,
Wie die Ernten in Arkadien.

Todt ist nun, die mich erzog und stillte,
Todt ist nun die jugendliche Welt,
Diese Brust, die einst ein Himmel füllte,
Todt und dürftig, wie ein Stoppelfeld;
Ach! es singt der Frühling meinen Sorgen
Noch, wie einst, ein freundlich tröstend Lied,
Aber hin ist meines Lebens Morgen,
Meines Herzens Frühling ist verblüht.

Ewig muß die liebste Liebe darben,
Was wir liebten, ist ein Schatten nur,
Da der Jugend goldne Träume starben,
Starb für mich die freundliche Natur;
Das erfuhrst du nicht in frohen Tagen,
Daß so ferne dir die Heimath liegt,
Armes Herz, du wirst sie nie erfragen,
Wenn dir nicht ein Traum von ihr genügt.

Friedrich Hölderlin, September 1795, nach der Rückkehr von Jena in Nürtingen entstanden

 

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