Hölderlin-Nürtingen

Video 3 / Am Schlossberg

Am Schlossberg

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Mein Name ist Hölderlin, Johann, Christian, Friedrich Hölderlin. Man sagt mir nach, ich sei neben Schiller und Goethe einer der größten Lyriker meiner Zeit gewesen. Überdies war ich auch der erste moderne Autor, sagt man.
Ich lade sie ein, mit mir einen Spaziergang durch meine Heimatstadt Nürtingen zu machen. Von der Neckarsteige aus gehen wir meinen Schulweg zur Lateinschule, direkt neben der Stadtkirche St. Laurentius, in der ich konfirmiert wurde. Mein erster Biograf Wilhelm Waiblinger hat meinen Text über dieses imposante Wahrzeichen der Stadt überliefert:

In lieblicher Bläue blühet
mit dem metallenen Dache der Kirchturm.
Den umschwebet Geschrei der Schwalben,
den umgiebt die rührendste Bläue.
Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech,
im Winde aber oben stille krähet die Fahne.
Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht,
jene Treppen, ein stilles Leben ist es,
weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist,
die Bildsamkeit herauskommet dann des Menschen.
Die Fenster, daraus die Glocken tönen,
sind wie Tore an Schönheit.
Nehmlich, weil nach der Natur sind diese Tore,
haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds.
Reinheit aber ist auch Schönheit.

Voll Verdienst, doch dichterisch,
wohnet der Mensch auf dieser Erde.
…                                        Friedrich Hölderlin, 1807         aus: Wilhelm Waiblinger, Phaeton (1823)

Vorstellen möchte ich ein Gebäude, das zwei Dichter beherbergt hat: die Kirchstraße 17, das Breunlinsches Haus. Hier lebte meine Familie von 1798 bis 1812; ab 1800 auch meine verwitwete Schwester Heinrike mit den beiden Kindern.
Nachdem ich auch meine zweite Stelle in Frankfurt als Hauslehrer im Hause Gontard verloren hatte, die Gründe waren sehr persönlicher Natur, verbrachte ich zwei Jahre in Homburg, auch in der Hoffnung, mir eine eigene Existenz aufbauen zu können und meine Geliebte Susette Gontard wenigsten manchmal kurz zu sehen. Ich kehrte im Juni 1800 zurück nach Württemberg, blieb kurz in Nürtingen und zog dann nach Stuttgart. Im Januar 1801 nahm ich eine Stelle als Hauslehrer in der Schweiz an, kehrte aber schon drei Monate später wieder nach Nürtingen zurück.
Nach dem Aufenthalt in Hauptwil arbeitete ich hier vor allem an Elegien: Stuttgart, Brot und Wein, Der Gang aufs Land.Ich hatte weiterhin Aussicht, dass Johann Friedrich Cotta meine Gedichte verlegen würde. Diese Pläne verwirklichten sich jedoch nicht. Schließlich erhielt ich Ende 1801 das Angebot einer Hauslehrerstelle in Bordeaux, die gut dotiert war. Ich schrieb schmerzlich-freudige Abschiedsbriefe: „Ich bin jetzt voll Abschieds. Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Thränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jetzt zu verlassen, vieleicht auf immer. Denn was hab‘ ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen.“
Nachdem ich im Sommer 1802 aus Bordeaux von der letzten Hauslehrerstelle nach Nürtingen zurückgekehrt war, galt ich schon als psychisch krank. Dennoch entstanden in dieser Zeit meines letzten Aufenthalts in Nürtingen große Werke. Das Widmungsgedicht Patmos an den Landgrafen von Homburg schickte ich Anfang 1803 an Sinclair. Ich übersetzte Sophokles, im April 1804 erschienen Ödipus der Tyrann und Antigone.
In dieser Zeit konzipierte ich fast alle meine berühmten Gesänge, vollendet wurden hier unter anderem Die Wanderung, Der Rhein, Friedensfeier, Der Ister, Germanien, Andenken. Große Teile meines wichtigsten Werks, des sogenannten Homburger Foliohefts, entstanden hier, und mit den Nachtgesängen einschließlich meines bekanntesten Gedichts Hälfte des Lebens redigierte ich ein letztes Mal selbst eigene Gedichte, die auch veröffentlicht wurden.

Andenken

Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bordeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln;

Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
Der Ulmwald, über die Mühl’,
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.
An Feiertagen gehn
Die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag,
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.

Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär’ unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu seyn. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb’,
Und Thaten, welche geschehen.

Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnet nemlich der Reichtum
Im Meere. Sie,
Wie Mahler, bringen zusammen
Das Schöne der Erd’ und verschmähn
Den geflügelten Krieg nicht, und
Zu wohnen einsam, jahrlang, unter
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen
Die Feiertage der Stadt,
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.

Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spiz’
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächt’gen
Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber
Und giebt Gedächtniß die See,
Und die Lieb’ auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.                        Friedrich Hölderlin, 1803

Am 19. Juni 1804 verließ ich endgültig Nürtingen. Mein Freund Isaak von Sinclair hatte mir eine Stelle als Hofbibliothekar in Homburg besorgt. In Homburg wurde Sinclair Anfang 1805 auf Betreiben des Kurfürsten Friedrich II. von Württemberg verhaftet, und ein Hochverratsprozess wegen falscher politischer Einstellungen wurde gegen ihn und andere angestrengt, der letztendlich ergebnislos verlief. Ob das meine Krankheit verstärkt hat?
Mein Freund Sinclair konnte sich schließlich nicht mehr um mich kümmern, er bat meine Mutter: „Es ist daher nicht mehr möglich, daß mein unglücklicher Freund, dessen Wahnsinn eine sehr hohe Stufe erreicht hat, länger eine Besoldung beziehe und hier in Homburg bleibe, und ich bin beauftragt Sie zu ersuchen, ihn dahier abhohlen zu lassen.“
Am 11. September 1806 überführte man mich gegen meinen Willen von Homburg nach Tübingen, meine letzte Rückkehr nach Württemberg. Im Autenriethschen Klinikum in Tübingen behandelte man mich ich fast ein Jahr. Mit der Prognose nur noch wenige Lebensjahre zu haben, kam ich 1807 zur Pflege in den Haushalt Ernst Zimmers. Hier blieb ich bis zu meinem Tod am 7. Juni 1843.

Das angenehme dieser Welt…

Das Angenehme dieser Welt hab‘ ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne.
Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!                   Friedrich Hölderlin, ca. 1810

Die Mutter eines anderen Dichters bezog in der Kirchstraße 17 ebenfalls eine Wohnung. Charlotte Mörike und ihre Kinder lebten hier von 1826 bis 1832, hier verbrachte Mörike als Theologiestudent seine Ferien, fand in der Unrast seiner häufig wechselnden Vikariate einen Ruheplatz. Nach Nürtingen kam Mörike oft auf Besuch; auch um sich mit seiner Braut Luise Rau zu treffen. Die Beziehung hielt jedoch nur vier Jahre. Die ihr gewidmeten Sonette, wurden in seinem Roman Maler Nolten aufgenommen, der 1832 erschien. Einige seiner bekanntesten Gedichte sind in dieser Zeit entstanden:

Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!                  Eduard Mörike, 1829

Über einen Besuch bei meiner Schwester Heinrike Breunlin im Jahr 1843 schrieb Mörike: „Sie hat die ehemalige Wohnung meiner Mutter inne und ganz dieselben Zimmer.“ Von Heinrike bekam er aus meinem Nachlass „einen großen Korb mit Manuskripten“ in die nahe Stadtschreiberei geschickt. Die Durchsicht der Manuskripte bereitete Mörike wohl einige Mühe, denn er behauptete über meine Werke: „man könnte vor solchen Trümmern beinahe den Kopf verlieren.“

Agnes

Rosenzeit! wie schnell vorbei,
Schnell vorbei
Bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb nur blieben treu,
Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut,
Wohlgemut
Schnitterinnen singen.
Aber, ach! mir kranken Blut,
Mir kranken Blut
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,
So durchs Tal,
Als im Traum verloren,
Nach dem Berg, da tausendmal,
Tausendmal
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,
Abgewandt,
Wein ich bei der Linde;
An dem Hut mein Rosenband,
Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.           Eduard Mörike, 1829

 

 

 

 

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