Hölderlin-Nürtingen

VIDEO 2 / Gärten und Sehnsuchtsorte

Gärten und Sehnsuchtsorte

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Gärten und Sehnsuchtsorte

Die Familie Hölderlin-Gock besaß zur Selbstversorgung einen vier Morgen großen „Baum-, Gras- und Küchengarten“ vor dem Neckartor am linken Neckarufer gelegen. Der Garten, in dem Friedrich Hölderlin „Stunden des Spiels und des Ruhelächelns“ verbrachte, lag oberhalb der Straße nach Neckarhausen, in der Nähe des Armenhauses. Heute führt eine vierspurige Bundesstraße an den Häuser vorbei, und wo die Gärten für die Nürtinger Bürger waren, befindet sich nun ein großes Fabrikgelände.

Der Wanderer

Aber unten im Thal, wo die Blume sich nährt von der Quelle,
Strekt das Dörfchen vergnügt über die Wiese sich aus.
Still ists hier: kaum rauschet von fern die geschäfftige Mühle,
Und vom Berge herab knarrt das gefesselte Rad.
Lieblich tönt die gehämmerte Sens’ und die Stimme des Landmanns,
Der am Pfluge dem Stier lenkend die Schritte gebeut,
Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein
Das die Sonne des Mais schmeichelt in lächelnden Schlaf.
Aber drüben am See, wo die Ulme das alternde Hofthor
Übergrünt und den Zaun wilder Holunder umblüht,
Da empfängt mich das Haus und des Gartens heimliches Dunkel,
Wo mit den Pflanzen mich einst liebend mein Vater erzog;
Wo ich froh, wie das Eichhorn, spielt’ auf den lispelnden Aesten,
Oder in’s duftende Heu träumend die Stirne verbarg.
Heimatliche Natur! wie bist du treu mir geblieben!
Zärtlichpflegend, wie einst, nimmst du den Flüchtling noch auf.
Noch gedeihn die Pfirsiche mir, noch wachsen gefällig
Mir ans Fenster, wie sonst, köstliche Trauben herauf.
Lokend röthen sich noch die süßen Früchte des Kirschbaums,
Und der pflükenden Hand reichen die Zweige sich selbst.
Schmeichelnd zieht mich, wie sonst, in des Walds unendliche Laube
Aus dem Garten der Pfad, oder hinab an den Bach,
Und die Pfade röthest du mir, es wärmt mich und spielt mir
Um das Auge, wie sonst, Vaterlandssonne! dein Licht;
Feuer trink ich und Geist aus deinem freudigen Kelche,
Schläfrig lässest du nicht werden mein alterndes Haupt.
Die du einst mir die Brust erwektest vom Schlafe der Kindheit
Und mit sanfter Gewalt höher und weiter mich triebst,
Mildere Sonne! zu dir kehr’ ich getreuer und weiser,
Friedlich zu werden und froh unter den Blumen zu ruhn.     Friedrich Hölderlin, 1797

 

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