Hölderlin-Nürtingen

Video 1 / Vor der Stadt

Vor der Stadt

Video 1 / Vor der Stadt

Mein Name ist Hölderlin, Johann Christian Friedrich Hölderlin. Man sagt mir nach, ich sei neben Schiller und Goethe einer der bedeutendsten Lyriker meiner Zeit gewesen. Überdies war ich auch der erste moderne Autor, sagt man.

Heimkunft.
An die Verwandten.

Heimzugehn, wo bekannt blühende Wege mir sind,
Dort zu besuchen das Land und die schönen Thale des Nekars,
Und die Wälder, das Grün heiliger Bäume, wo gern
Sich die Eiche gesellt mit stillen Birken und Buchen,
Und in Hügeln ein Ort freundlich gefangen mich nimmt.
Dort empfangen sie mich. O Stimme der Stadt, der Mutter!
O du triffest, du regst Langegelerntes mir auf!                                Friedrich Hölderlin, 1801

Ich lade Sie ein, mit mir einen Spaziergang durch meine Heimatstadt Nürtingen zu machen. Nicht nur durch familiäre Bindungen blieb ich meiner Heimatstadt lebenslang verbunden, ich war Nürtinger Bürger und besaß Zeit meines Lebens hier das Bürgerrecht. Beim Rundgang durch die Stadt stelle Ihnen auch meine literarischen Nachfahren vor.

 NÜRTINGEN, NECKARBRÜCKE

Nur das Spiegelbild
Im Neckar:
Die Haut der Häuser,
die Wasserhaut der Häuser,
die ein Taucher
ahnungslos verletzt –
zurückgekehrt vom Grund,
treibt er
die Schwäne
ins alte Wirtshaus
und nimmt den Zeigern
an der Turmuhr
ihren Halt.                              Peter Härtling, 1983

Zunächst schauen wir uns vor der Stadt um. Hier am Wörth, war die Landestelle für die über Jahrhunderte betriebene Flößerei. Und hier befindet sich heute das Stadtmuseum, einstiges Schützenhaus, vor der ehemaligen Stadtmauer gelegen. In Sichtweite des Stadtmuseums steht der Kroatenhof. Ottilie Wildermuth, geb. Rooschüz, eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, erzählt in Der Kroatenähne eine Migrationsgeschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg. Ihr Vorfahre Johann Rooschüz entführte eine Nürtinger Bürgerstochter. Die zunächst unheilvolle Geschichte nimmt schließlich einen glücklichen Ausgang mit der Rückkehr der Entführten und der Aufnahme des kroatischen Einwanderers in die Nürtinger Bürgerschaft.
„Das geschah etwa zehn Jahre, nachdem Magdalene war von dem Kriegsmann fortgeführt worden. Ihr könnt euch denken, wie die Leute aufgeschaut haben, als es einstmals hieß, die Magdalene Brenner sei wieder da mit dem Kroaten. … Da kaufte er sich einen schönen Hof draußen vor der Stadt, wo es B. zugeht, und baute ein Wohnhaus darauf. Dort hat der Kroat mit seiner Frau in Stille und Frieden noch viele Jahre gelebt.“
Weiter geht es in Richtung Neckarbrücke, an meinen Denkmal, am Salemer Hof und einer Gaststätte vorbei. Hier saß bei einem Krug Wein Johannes R. Becher, expressionistischer Dichter und später erster Kulturminister der DDR. In seinem Gedicht Neckar bei Nürtingen erinnert er sich: „Immer möcht ich hier sein. Hier bin ich ganz zu Haus.“ Er verbrachte zwischen 1920 und 1930 als Dauergast des Uracher Kreises, wo er nach schwierigen Jahren in Berlin eine Zuflucht fand, jährlich die Sommermonate im Schwabenland, wanderte viel und besuchte Nürtingen, auch Hölderlins wegen. Im russischen Exil entstanden Gedichte, die er 1947 unter dem Titel Lob des Schwabenlandes veröffentlichte. Johannes R. Becher schrieb 1949 den Text zur Nationalhymne der DDR. Das Zitat daraus: „Deutschland, einig Vaterland!“ wurde zur Wendezeit 1989 als Parole die unmissverständliche Forderung zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

DIE APFELBÄUME BLÜHN …

Die Apfelbäume blühn in Nürtingen,
Im Wirtshausgarten, unser Herz entfaltend,
Spielt eine Ziehharmonika. Die Blüten
Der Bäume und der langgezogene Wind,
Sie bringen Botschaft: angebrochen ist
Der Ewige Frühling, den einst Hölderlin
Im Voraus sang und feierte in Hymnen.

 Der Wohllaut seiner Worte, rein gefügt.
Als ahnte er das kommende Gesetz,
Nach dem die Menschen leben werden: heute
Kann frei er tönen, denn sein Echo ist
Das Volk. Auch wieder Mut zu heiligen
Gefühlen ist uns eingegeben. Klar
Und einfach ist das Wort. Hält, was es sagt.                      Johannes R. Becher, 1947

Man hat das Elektrizitätswerk vor Augen, einst stand hier die Mühle. Sie ist in Vergessenheit geraten, doch die Nürtinger Mühle spielte eine besondere Rolle in Eduard Mörikes Stuttgarter Hutzelmännlein. Das romantische Märchen zog als Schullektüre viele Generationen in seinen Bann: Am Beginn seiner Wanderschaft, wohl versorgt mit Hutzelbrot, betrachtet der Schustergeselle Seppe das Land von Bempflingen aus und sieht „die Alb als eine wundersame blaue Mauer ausgestreckt.“ In Blaubeuren, auf dem Weg nach Ulm, erfährt er die „Historie von der Schönen Lau“ und findet das „Klötzle Blei“. In Ulm jedoch erlebt er „Übelfahrt und Kümmernis“, so begibt er sich wieder auf den Heimweg nach Stuttgart, der auch über Nürtingen führt. In der Mühle bei der Neckarbrücke verbringt er eine unruhige Nacht: „Dort in der Küche gab man ihm noch einen glatt geschmälzten Hirsenbrei; damit im Leibe wohl verwarmt, zog er zum Tor hinaus und über die Brücke, dann rechts Oberensingen zu.“
Wenn wir die Neckarbrücke überqueren, liegt rechts der Wasen. Hier erlebten Eduard Mörike, seine Braut Luise Rau und die Familien gemeinsam am 13. Mai 1830 den Nürtinger Maientag, ein Kinder- und Familienfest mit einer über 400 Jahren alten Tradition. Mörike berichtet: „Im schlimmsten Fall hatte ich ihr zugesagt, meinen Maientag in Grötzingen mit ihr zu halten. Doch gegen 11 Uhr kam die ganze Jugendflor über den Berg herüber und selbst mein gutes Kind fehlte nicht. … Auf dem Wasen am Neckar war das ganz gewöhnliche Musizieren, Schmausen, Hin- und Wiedergehen, Begrüßen usw.“
Rechts der Neckarbrücke, den alten Wasen passierend, kommt man vorbei am Gelände des ehemaligen Krankenhauses, der Siechenkapelle und dem Siechenhaus zum Alten Friedhof. An der Grabstelle von Peter Härtlings Mutter wurden 2015 zwei Gedenksteine aufgestellt: Härtlings Gedicht Der Alte Friedhof in Nürtingen, verbunden mit der Widmung: „Dem Andenken an Erika Härtling (1911–1946) und in Gedanken bei den ungezählten Flüchtlingsfrauen zweier Jahrhunderte.“

DER ALTE FRIEDHOF IN NÜRTINGEN

Vor einunddreißig Jahren stand
da noch ein alter Fliederbaum.

Als Kind bin ich die Wege oft
gegangen, lernte die Toten beim Namen
und
dachte mir Geschichten
für ihr Leben aus.

Dann zog ich fort.
Der Fliederbaum verschwand.
Der Friedhof werde,
heißt es,
nun planiert.

Da ruhn die Toten schon
zu lang;
so viele Jahre,
meinen die Planeure,
hält die Trauer
nicht.                                                   Peter Härtling, 1977

Ein weitere besonderer Orte finden sich jenseits der Neckarbrücke, über die der Rundwanderweg In Hölderlins Landschaft ins Freie führt. Geradeaus, hoch zur Schillerhöhe, passiert man den Galgenbergpark, 1908 als Volkspark angelegt, mit weiten grünen Flächen und schönen Baumgruppen. Auf halber Höhe, in der Nähe des Reiner-Pavillons, wurde für Peter Härtling zum 80. Geburtstag 2013 ein Gedichtstein aufgestellt.

 GLÜCK           

 Nichts mehr,
was dich treibt,
nichts mehr
was dich hält.
Auf den Hügel hinauf
und solange
nach innen singen,
bis die Stimme
dich aufhebt
und mitnimmt.                                               Peter Härtling, 1997

Über den Verein Hölderlin-Nürtingen. Wir freuen uns auf neue Mitglieder.

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