Hölderlin-Nürtingen

Projekt Schüler führen Schüler

Schüler führen Schüler 2007 bis 2020

Auf Hölderlins Spuren durch Nürtingen

Rückblick von Ingrid Dolde März 2020

 

Die vielfältigen Anregungen, Ermunterungen und Denkanstöße, die uns das Werk Friedrich Hölderlins geben kann, setzt der Hölderlin-Nürtingen e. V. jährlich auf unterschiedlichsten Gebieten um. Die didaktischen Einheiten, die in den letzten Jahren entstanden sind, bilden dabei einen Schwerpunkt, der in der Öffentlichkeit weniger präsent ist, dafür umso nachhaltigere Wirkungen erzielt. So sind im Jahr 2010 an einem Vormittag 10 Schulklassen, also über 250 Schülerinnen und Schüler Hölderlins Spuren in Nürtingen gefolgt. Die Führung Auf Hölderlins Spuren – von Schülern für Schüler ist nur ein Teil unsere didaktischen Bemühungen im schulischen Bereich, das Werk und die Person Friedrich Hölderlins in Nürtingen bekannter zu machen.
Unterrichtseinheiten, Führungen, Theater-Workshops, Musikwerkstatt, Tanzprojekte, Videoclip-Kurse, Schreibwerkstatt, Interviews in der Fußgängerzone, … und vieles andere sind Teil unsere pädagogischen Bemühungen, die Person und das Werk Friedrich Hölderlins der jungen Generation nahe zu bringen

Nürtingen. Hölderlin.

Ein großer Dichter der Weltliteratur hat in Nürtingen nicht nur seine Kindheit und Jugend verbracht, in seine Stadt kehrte Friedrich Hölderlin immer wieder zurück, hier schuf er wichtige Werke. Nürtingen ist biografisch und werkbiografisch die Hölderlinstadt schlechthin und Hölderlins eigentliche Heimat. Hier erlebte er „der Heimat verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus und liebender Geschwister Umarmungen.“ Was an dieser Heimat als Sehnsuchtsort, als Idylle, die Geborgenheit bietet, empfunden wird, erfährt jedoch in der Lebensrealität häufig Brüche, die sich auch im Werk Hölderlins widerspiegeln.
Sich mit Hölderlins Biografie und Werk auseinanderzusetzen, ist eine Aufgabe, der jede Generation bisher auf ihre Weise mehr oder weniger gerecht wurde.
In Hölderlins Heimatstadt beendeten Generationen von Schülerinnen und Schülern die Schule und es war dem Zufall überlassen, ob sie vom großen Sohn der Stadt und seinem literarischen Erbe jemals etwas im Unterricht gehört haben. Diese Tatsache ist einer der Gründungsimpulse des Vereins Hölderlin-Nürtingen. Seit 2007 fördert und pflegt der Verein, auch in Kooperationen mit anderen Einrichtungen und Trägern, das kulturelle Erbe Friedrich Hölderlins. Verortungen und eine Verstetigung der Rezeption des Werkes Friedrich Hölderlins stehen dabei im Vordergrund. Die Veranstaltungen decken ein breites Spektrum ab und sollen dazu einladen, einen offenen Dialog zu gestalten und die gemeinsame Beschäftigung mit dem großen Sohn der Stadt Nürtingen lebendig zu halten. Und noch zwei große Literaten, die eng mit Nürtingen verbunden sind werden miteinbezogen: Eduard Mörike und Peter Härtling.
Erfolgreiche gemeinsame Schultheaterprojekte, unter anderem Peter Härtlings „Melchinger Winterreise“ (2007), „Ein Zeichen sind wir – Hommage an Friedrich Hölderlin“ (2007), „Hyperion – Nürtingen liest Hölderlin“ und „Drei Jahrhunderte – Nürtingen singt Hölderlin“ (2009) haben ihre Fortsetzung in jährlichen Kooperationen mit dem Hölderlin-Gymnasium gefunden. Beim jährlichen Kulinarium des Vereins war die Schreibwerkstatt unter Leitung von Annette Adams und später von Jessica Jahn immer mit dabei mit Rezitation und Gesang, bevor sie dann schulintern ihr Können kulinarisch und literarisch beweisen konnten.
Gleichzeitig zeigte sich die Notwendigkeit, etwas zu etablieren, das es nicht dem Zufall überlässt, ob man sich auch im Unterricht mit Hölderlin und seinem Werk beschäftigt, oder nicht. Neben der Verortung und Verstetigung sollte auch etwas geschaffen werden, das eine kontinuierliche Verankerung Friedrich Hölderlins und seines Werkes garantiert. Diese kontinuierliche Verankerung der Rezeption von Biografie und Werk Friedrich Hölderlins ist mit dem Konzept „Schüler führen Schüler“, das erstmals 2010 startete, geglückt. Die Vermittlung von Hölderlins Biografie und Werk wird mit der Stadtgeschichte verbunden und an originalen historischen Stätten dargeboten. Die Stadtführung „Auf Hölderlins Spuren durch Nürtingen“‘ ist speziell für jüngere Schüler konzipiert, außer dem Hölderlin-Gymnasium hat auch das Max-Planck-Gymnasium dieses Konzept fest im Jahresplan verankert.
An den Stationen, die die Klassen mit ihren Lehrern aufsuchen, erzählen Oberstufenschüler die vorbereiteten Texte zur Stadtgeschichte und zur Biografie Hölderlins, und rezitieren auszugsweise aus Gedichten Hölderlins, die einen Bezug zu der jeweiligen Station haben. Die originalen Schauplätze sind: Kreuzkirche, Hölderlinhaus, Schulweg und Lateinschule, Stadtkirche, Neckarufer und als letzte Station die Hölderlin-Ausstellung im Stadtmuseum.
Wie das Leben in der württembergischen Landstadt zur Zeit Hölderlins war, kann anhand der Überlieferungslage gut nachvollzogen werden. Hier finden sich die meisten noch sichtbaren authentischen Orte seines Lebens und Wirkens, zu denen auch die Landschaft gehört, die er schon früh erkundete. Die Gegend um Nürtingen mit der Flusslandschaft des Neckars und der Schwäbischen Alb prägte Hölderlins Texte wie keine andere. In Nürtingen selbst – der Stadt, die Hölderlin als seine eigentliche Heimat angesehen hat – erfahren so die Schüler viel über Hölderlin und seine Heimat. Aus Jena schrieb er am 22. Mai 1795: „Man lernt sehr, sehr viel in der Fremde, liebste Mutter! Man lernt seine Heimat achten. Wie ein Kind erzähle ich oft meinem Freunde von meinem Hause, wie mirs da immer so wohl ging, von meiner Mutter und Großmutter — und meinen Geschwistern.“

Das Hölderlinhaus, „der Mutter Haus“ spielt in der Schulgeschichte Nürtingens und des Hölderlin-Gymnasiums eine besondere Rolle und soll hier exemplarisch als Beispiel einer Station vorgestellt werden. Der 1622 erbaute Schweizerhof gehörte zu den Nebengebäuden des Schlosses. Er stand direkt neben dem von einer gewaltigen Mauer umgebenen Schlossgarten, dessen einziger direkter Zugang über diesen Hof führte. Im Hofbereich, unterhalb des herzoglichen Marstalls und Fruchtkastens, lagen die zu einem landwirtschaftlichen Anwesen gehörigen Stallungen; zur Neckarsteige hin erstreckte sich das Gärtlein.
1774 erwarb Johann Christoph Gock, Weinhändler und später Bürgermeister in Nürtingen, der Stiefvater Friedrich Hölderlins, das im verheerenden Stadtbrand von 1750 zerstörte und 1751 neu errichtete Anwesen. Die Familie zog in einen nach spätbarocker Ensembleplanung neu errichteten Stadtteil, der im Gegensatz zum vom Stadtbrand verschonten Teil der Stadt bewusst mit Sichtachsen die Enge der mittelalterlichen Stadt aufbrach. Die Neckarsteige, an der das Hölderlinhaus liegt, war jahrhundertelang Nürtingens Hauptstraße.
Dieses große Anwesen war 24 Jahre lang das Wohnhaus der Familie Hölderlin-Gock. Die Beletage hat 330 Quadratmeter Nutzfläche, die sich um einen großzügigen Flurbereich anordnen. Was heute als Schulräume genutzt wird, war ehemals der Wohnbereich der Familie Hölderlin-Gock, mit Küche und Essstube, und der Bereich für das Gesinde, mit großer Küche, Stuben und Kammern. Im Stockwerk über der Beletage waren drei Zimmer ausgebaut, die Friedrich und seine beiden Geschwister Heinrike und Karl bewohnten.
In den Schweizerhof, von 1774 bis 1798 das Wohnhaus, „der Mutter Haus“, kehrte der berühmte Sohn Nürtingens immer wieder zurück und arbeitete hier unter anderem auch an seinem Briefroman ‚Hyperion‘. 1811 wurde das großzügige Gebäude zum Schulhaus umgebaut. Seither gibt es durchgängig eine städtisch-soziale Nutzung als Spinn- und Industrieschule, Suppenanstalt, Präparandenanstalt, Kleinkinderschule, Knabenschule, Volksschule, Gymnasium und Volkshochschule.
Das Hölderlinhaus war in seiner über 200-jährigen Schulgeschichte von 1970 bis 1978 das erste Schulgebäude des neugegründeten Hölderlin-Gymnasiums. 1975 legte der erste Jahrgang hier sein Abitur ab. Als die ehemaligen „Högyaner“ sich zum 40-jährigen Abi-Jubiläum trafen, war neben einer Stadtführung auf Hölderlins Spuren die Besichtigung des Hölderlinhauses der Höhepunkt. „Wow, das haben wir nicht gewusst! Das war das Wohnhaus Hölderlins und in der Essstube der Familie war unser Klassenzimmer!“ Im Nachklang hätten sie sich sehr gewünscht, schon zu ihrer Schulzeit mehr über Hölderlin und die besondere Bedeutung des Hauses erfahren zu haben.

 

Unterricht im „Gärtle“ des Hölderlinhauses, Neckarsteige 1, 1975

 

Für Hölderlin, für uns, das Wort – die Schreibwerkstatt

Rückblick von Annette Adams März 2020

 

Eigentlich ist es klar: ein Gymnasium, das nach einem der berühmtesten deutschen Dichter heißt, braucht eine AG, in der man schreibt und das Wort verwaltet und gestaltet. Und wenn man die Chance hat, genau in der Stadt zu sein, die dieser Dichter immer als „Heimat“ betrachtet und bezeichnet hat, dann doppelt: was kann man, was muss man alles schreiberisch und spielerisch tun hier!

Die Schreibwerkstatt gründete sich 2008, heraus aus einem damaligen Wahlpflichtfach der Fünferklassen, und wuchs sehr schnell zu mehr als schriftlichen Wort-Spielereien. Von Klasse 8 bis zum Abijahrgang trafen sich Schülerinnen und Schüler, die sich ins Wort vertieften, das eigene, das gemeinsame, das von Friedrich Hölderlin. Die wichtige Weichenstellung nach ‚draußen‘ erfolgte 2010, als die Schreibwerkstatt an den Hölderlin-Verein Nürtingen andockte und von dort vielfältige Unterstützung, Anregung und Zugang zu Bühnen über die Schule hinaus bekam. Das Wort wurde lebendig – in Form von vielen Veranstaltungen, bei denen wir Zuschauer und Zuhörer erreichen konnten.

Wie oft haben wir Hölderlins Geburtstag gefeiert, entweder in der Kreuzkirche oder im HöGy selbst, immer mit interessanten Gästen, die wir vorstellen und begleiten durften, mit Musik, mit eigenen Textperformances, mit einem engagierten Publikum! Wir haben Schulwände mit Hölderlin-Versen besprüht, auf der CMT für unseren Fritz geworben, wir haben Banner in der Mensa aufgehängt, Bücher gemacht mit Wort-Text-Collagen und eigenen Texten, wir haben Gäste von außerhalb auf Hölderlins Spuren durch Nürtingen geführt und Umfragen durchgeführt zur Rezeption von Hölderlin in Nürtingen. Wir haben die Verleihungen des Hölderlin-Rings und die Einweihung des Hölderlin-Denkmals am Neckarufer verzieren dürfen und Hölderlin-Perlen in fünfundzwanzig Sprachen vorgetragen, vom Deutschen über das Italienische, Russische und Griechische bis hin zum Malayischen und Chinesischen. Und… und…

Zwei Dinge verdienen besondere Erwähnung. Das eine ist das Kulinarium, eine Idee, die wir vom Hölderlin-Verein übernehmen durften. Zusammen mit der Koch-AG und der Kammermusik der Schule entstanden Abende für alle Sinne: vier Gänge leckeres Essen, professionell serviert und gekellnert, und in den Pausen zwischen den Gängen Moderation, Texte und Musik. Jedes Jahr stand ein anderes Thema im Mittelpunkt: Glück, Farben, Zeit, Blödsinn, Kochkunst… wunderschöne, intensive Abende, die Gäste, Rezitatoren und Musiker eng verbanden und bleibende Erinnerungen schufen.

Das andere ist ein Konzept, das ebenfalls durch den Hölderlin-Verein angestoßen und betreut wurde. HöGyaner, die nicht wissen, wieso ihre Schule Hölderlin-Gymnasium heißt, das darf es eigentlich nicht geben! Deswegen entstand die Idee, alle fünften Klassen mit einer Stadtführung auf Hölderlins Spuren mit unserem Namenspatron vertraut zu machen. Welche Orte waren wichtig für den jungen Fritz, für den erwachsenen Hölderlin, der so oft zurückkam in seine Stadt? Welche Erfahrungen können die heutigen jungen Leute machen, an diesen Orten? Niemand eignet sich besser zu solchen Stadtführern als Schüler selber. Deswegen erstellten wir ein Skript, das ältere Schüler dafür ausbilden konnte, jüngeren Schülern Hölderlinorte und Hölderlinworte vorzustellen. Jahrelang machte die Schreibwerkstatt am Schuljahresende den Menschen Hölderlin für Schulklassen lebendig – nicht nur HöGyaner buchten diese Spaziergänge durch die Altstadt und am Neckar entlang, sondern auch Klassen aus anderen Schulen bis hin zu Eltern und Lehrergruppen aus dem Seminar oder aus anderen Bundesländern.

Dabei war es ein glücklicher Zufall, dass die Schreibwerkstatt immer in engagierten Händen blieb: als Annette Adams das HöGy verließ, übernahm Jessica Jahn.

 

Erste Führung Schüler führen Schüler 2008

Über den Verein Hölderlin-Nürtingen.

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