Hölderlin-Nürtingen

Projekt Hölderlinhaus: Vom Schweizerhof zum herrschaftlichen Wohnhaus

Ehe es zum Schulhaus wurde, war das Hölderlinhaus einem beständigen Wandel unterworfen

Vom Schweizerhof zum herrschaftlichen Wohnhaus

Ein Blick auf seine frühe Geschichte von Barbara Leib-Weiner veröffentlicht in der Nürtinger Zeitung vom 31.10.2014

Man findet im Hölderlinhaus die Spuren aus Jahrhunderten: den Keller des Schlosses, den Grundriss aus der Zeit des Barockbaumeisters Groß, die Wohnräume, in denen Hölderlin lebte, die Räume, in denen arme Kinder arbeiten lernten und Räume, die die Vielgestaltigkeit des Schulwesens seit 200 Jahren widerspiegeln. Wo heute das Nürtinger Hölderlinhaus steht, stand Anfang des 17. Jahrhunderts der Schweizerhof, das landwirtschaftliche Anwesen des Schlosses mit Schweinen, Kühen und anderen Haustieren in großen Ställen. Diese Tiere waren wichtig für die Versorgung der Schlossbewohner. Seit dem Mittelalter hatte Nürtingen ein Schloss, und betrachtet man alte Stiche, war es ein eindrucksvolles Gebäude. Es stand dort, wo vorher wahrscheinlich ein befestigter Kirche-Burg-Komplex Nürtingen gegen die Angriffe begieriger Fürsten oder Städte auf dem vom Neckar in einer Schleife umflossenen Bergsporn verteidigen sollte.
Im Laufe der Jahre diente das Schloss jedoch einem sehr friedlichen Zweck. Es wurde der Witwensitz der württembergischen Herzoginnen. Im 15. und 16. Jahrhundert war es zu einem mit Erkern geschmückten Flügelbau erweitert worden und bildete mit der Stadtkirche St. Laurentius ein dominantes Ensemble. Die wohl bedeutendste Witwe, die mit ihrem umfangreichen Hofstaat 42 Lebensjahre in dem Schloss verbrachte, war Herzogin Ursula. Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte, als gefürchtet eigenwillig, jedoch auch als großzügig wurde sie beschrieben. Und die Jahre des Dreißigjährigen Krieges, die sie im Nürtinger Schloss verbrachte, waren gewiss nicht einfach. 1593 kam sie nach Nürtingen, 1635 starb sie hier. Sie erreichte, dass der „württembergische Leonardo da Vinci“, der herzogliche Baumeister Heinrich Schickhardt, dem Schloss einen Altan, einen mit Pfeilern abgestützten Austritt am oberen Stockwerk, hinzufügte und die Entwürfe zum Bau großräumiger Stallungen anfertigte. Nach seinen Entwürfen wurde auch der sogenannte „Schweizerhof“ 1622 gebaut.
Das Interesse der herzoglichen Witwen am Leben im Nürtinger Schloss schwand nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das Schloss verfiel, vom württembergischen Hof vernachlässigt und von der Stadt nicht unterhaltbar. 1765 beschloss man, es abzureißen. Wo einst Schloss, Ställe und Park waren, bauten Nürtinger Bürger neue Häuser. Schon 1748 hatte Jakob Friedrich Duttenhofer den baufälligen Schweizerhof erworben und renovierte ihn. Kaum war das Wohnhaus fertig, brannte es 1750 nieder. Der furchtbare Stadtbrand zerstörte im Jahr 1750 in einer einzigen Nacht einen großen Teil der Nürtinger Altstadt. Gerade hatte Jakob F. Duttenhofer (1697-1769) mit seiner Familie den Fängelmänschen (oder Feikelmannischen) Bau, in dem er zur Miete wohnte, verlassen und war in das neue Haus auf dem ehemaligen Areal des „Edelstalls“ gezogen. Seine Familie brauchte viel Raum. Die drei überlebenden Söhne aus seiner ersten Ehe waren zwar erwachsen, kamen aber sicher noch besuchsweise nach Hause; Duttenhofer wird als liebevoller Vater und Familienmensch beschrieben. Die vier Kinder aus der zweiten Ehe waren jedoch erst zwischen vier und 14 Jahre alt. Sie brauchten Platz, wie sicher auch die zahlreichen Dienstboten.

Der Spitalmeister konnte sich das große Haus leisten
Auf dem Platz des abgebrannten Wohnhauses wurde nach den Plänen des namhaften herzoglichen Baumeisters Groß das neue Haus im heutigen Umfang errichtet. Duttenhofer hatte gewiss auch Interesse daran, seine Stellung zu repräsentieren. Er war Spitalmeister und Bürgermeister und konnte sich dieses außerordentlich große Wohnhaus leisten. Die Familie Duttenhofer gehörte zur „Ehrbarkeit“ (eine Art bürgerlicher Adel), Jakob Friedrich Duttenhofer durchlief die diesem auserwählten Stand meist vorbehaltene Karriereleiter des Stadtschreibers und gelangte wegen seiner außerordentlichen Fähigkeiten und besonders wegen seines Mutes in immer höhere Ämter. Schon im Alter von 25 Jahren wurde er Spitalmeister. Später vertrat er Nürtingen im Landtag in Stuttgart und wurde mehrmals wiedergewählt.
Hier musste er sich mit den prachtliebenden Herzögen Eberhard Ludwig und Carl Eugen auseinandersetzen, die mit ihrer Verschwendungssucht Elend über die württembergischen Städte, auch über Nürtingen, brachten. Als „einsamer Rebell“ verweigerte er dem Herzog die maßlose Steuererhöhung, die die Stadt in die Verzweiflung trieb. Er erlebte noch seinen und der Stände Sieg über den Herzog, bezahlte aber seinen Einsatz für die Nürtinger Bürger mit seiner Gesundheit. Gelähmt und resigniert starb er im Jahr 1769. Kocher schrieb über ihn: „Wir dürfen dem Geschick dankbar sein, dass es gerade in diesen schweren Zeiten des 18. Jahrhunderts in unserer Stadt einen Mann gab, der in seiner hervorragenden Tüchtigkeit, Pflichttreue und Charakterfestigkeit es verdient, dass ihm (…) ein Denkmal gesetzt werde“.
Das Wohnhaus der Duttenhofers, also das heutige Hölderlinhaus in seiner ursprünglichen Gestalt, war Teil des neuen Stadtensembles, das im Auftrag des Hofes vom herzoglichen Landbaumeisters Johann Adam Groß gestaltet wurde. Es wurde erbaut in einem großräumigen Umfeld. Um sich das vorstellen zu können, schaue man auf das heutige Haus und dränge die Passage 33 aus dem Blickwinkel und vergrößere die Fläche des „Gärtleins“. Es hielt dem gegenüberliegenden Spital in Größe und Form stand. Der Platz um den Lammbrunnen war frei, die Sicht war offen bis zum Rathaus. Diese Art von Sichtachse war ein Lieblingskind der barocken Bauweise. Im Stil einander ähnliche und wohlgestaltete Bürgerhäuser entstanden entlang der Neckarsteige und der Brunnsteige, ähnlich und doch abwechslungsreich. All diese Häuser, größer als vor dem Brand, sollten gemeinsam mit dem Spital ein harmonisches Ganzes bilden. Misthaufen und Scheunentore sollten verschwinden. Zumindest die untersten Geschosse mussten in Stein gebaut werden, um in Zukunft Brände zu verhindern. Mansard-Walmdächer bestimmten das Bild. Auch das Duttenhofersche Haus hatte einst ein solch formschönes Dach. Die Fassaden der Häuser sollten verputzt werden.
Duttenhofer, bekannt als Gartenfreund, verzichtete auf eine Scheune zugunsten eines für damalige Verhältnisse großen Gartens. Kocher zitiert: „Sein größtes Vergnügen war sein Garten, den er mit vielem Geschmack, doch mehr zum Nutzen als zur Zierde angelegt hat“. Das „Gärtlein“ war, anders als heute, eine einzige Fläche auf Höhe der Beletage, wurde also zur Neckarsteige hin von einer massigen Mauer begrenzt. Frei war der Blick noch in Richtung Stadtkirche. Der Schlossgarten war noch nicht bebaut. Vielleicht zierten ihn einige Bäume, wie Peter Härtling in seinem Hölderlin-Roman schreibt. Der Schlossgarten war nicht öffentlich, sondern durch Mauer und Tor verschlossen. Das Haus Duttenhofers hatte also mitten in der Stadt beste Villenlage.
Wie die Familie Duttenhofer in dem Haus wohnte, ist nicht überliefert. Man kann nur vergleichen mit zeitgenössischen Beschreibungen vom Wohnen in ähnlichen Häusern. Es ist anzunehmen, dass die Raumaufteilung kaum anders war als zur Zeit Hölderlins, dass man also die Pläne von 1811 zu Rat ziehen kann, die erstellt wurden, als man das Haus zum Schulhaus umgestaltete.

Der Keller war damals lebenswichtig und deshalb sehr groß
Sicher wurden die Öfen mit Holz aus dem Stadtwald geheizt, das den Nürtinger Bürgern zustand. Hatte man schon die moderne Heizung mit gekrümmten Abzugsrohren, die es erlaubte, mehrere Heizstellen anzuschließen? Oder gab es nur in der Küche und im großen Gemeinschaftsraum Heizmöglichkeiten, die die anderen Räume mit erwärmen mussten? Mehrere Zimmer reihten sich in der Beletage aneinander, man konnte, oder musste, von einem Zimmer ins andere gehen, konnte auch von einem Zimmer zum anderen heizen. Zur Küche und zu den Zimmern der Bediensteten gelangte man über die Hintertreppe. Wie wurden die beiden unteren Etagen genutzt? Für Dienstboten? Für Geräte? Von außerordentlicher Bedeutung war der Keller; anders als heute war er lebenswichtig und deshalb für unsere Augen maßlos groß. Dr. Johannes Gromer, der als Bauhistoriker im Auftrag der Stadt 2009 ein Gutachten zum Hölderlinhaus verfasste, nimmt an, dass der Keller vom Vorgängerbau übernommen wurde und dass sowohl Duttenhofer als auch Gock ihn in erster Linie als Weinlager verwendeten, für den eigenen Verbrauch und für den Verkauf. Der Wein musste, in Fässern gelagert, schnell verbraucht werden, denn es gab noch keine mit Korken verschließbaren Flaschen. Wein war das Normalgetränk der Bevölkerung. Das Wasser aus den städtischen Brunnen war meistens unrein. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erforschte Pettenkofer die Gefahr des unreinen Trinkwassers und regte eine städtische Wasserwirtschaft an. Das Ausmaß der Abhängigkeit vom Wein ist heute kaum mehr vorstellbar. Katastrophal war es, wenn Fröste oder Schädlinge die Reben zerstörten. Da die Keller damals Böden aus gestampftem Lehm hatten, dienten sie auch der Lagerung von Gemüse und Obst.

Johann Friedrich Gock erwarb das Haus vom Spital
Nach dem Tod Jakob F. Duttenhofers wohnte seine Witwe im „kleinen Teil“ des Hauses, also entweder im ersten Untergeschoss oder im Südflügel der Beletage. In der großen Wohnung, in der Beletage, wohnte die Tochter Duttenhofers mit ihrer Familie. Ihr Mann verschuldete sich so sehr, dass das Haus wieder an das Spital ging. Im Juni 1774, kurz bevor er Johanna Christiana Hölderlin heiratete, erwarb Johann Christoph Gock (1748-1779) das Haus der Duttenhofers vom Spital. Er bezahlte es aus dem Vermögen seiner künftigen Frau, damit aus dem Erbe der beiden Hölderlin-Kinder Friedrich und Rieke. Johann Christoph Gock, ein belesener und gebildeter junger Mann, der sich mit seinem gewinnenden Wesen und viel Ehrgeiz und mithilfe Bilfingers, des Paten Friedrich Hölderlins, emporgearbeitet hatte, erwarb dazu noch eine zweistöckige Scheuer, einen Schweinestall, ein Dörrhäuschen und einen Brunnen ohne Abwasser. Im Kauf wurde vereinbart, dass in der unteren Etage ein Spitalmeister vorübergehend wohnen durfte und Frau Duttenhofer ihr Stüblein behalten durfte, auch Platz in Scheune, Stall und Keller bekam.
Als die Familie Gock-Hölderlin, von Lauffen kommend, einzog, war Friedrich Hölderlin knapp vier Jahre alt, seine jüngere Schwester Rieke zwei Jahre. Ihre Mutter war eine 24-jährige Frau, ihr zweiter Mann nicht viel älter. Wie zu damaliger Zeit üblich, starben viele Kinder kurz nach der Geburt. So auch in der Familie Gock, sodass letztlich nur noch Karl als einzig weiteres Kind dazukam. Von 1774 bis 1798 lebte die Mutter Friedrich Hölderlins in dem Haus, war es also „der Mutter Haus“.
Ganz genau weiß man nicht, wer in welchen Räumen wohnte, da die Umbauten zum Schulhaus einiges verändert haben. Aber Dr. Johannes Gromer folgte den alten Plänen von 1811 und seinen fachmännischen Kenntnissen und ordnete manche Räume des heutigen Hauses der Familie Gock zu. Vor allem in der Beletage, zu der man damals wie heute vom zur Kirche gerichteten Vorplatz aus hineinging, zeigt sich noch manches fast unverändert. Die ungefähr 330 Quadratmeter dieses Stockwerks wurden durch einen langen Flur in Ost-West-Richtung geteilt. Auf der nördlichen Seite, zur Neckarsteige hin gerichtet, lagen die meisten Wohnräume, bildeten eine Enfilade von fünf Räumen. Man ging also von einem Raum in den anderen. Nur zwei Räume konnte man vom Gang – dem Flur, Öhrn oder Ern – aus betreten. Wahrscheinlich waren auch wie bei Duttenhofers nur zwei Räume direkt beheizbar; die anderen Räume erhielten die Wärme durch geöffnete Türen.
Gromer nimmt an, dass der größte, der nach Osten zum Gärtlein hin gerichtete Raum, das Wohnzimmer war, das Zimmer, in dem sich die Mutter Johanna Christiana meist aufhielt. An dieses Zimmer schloss sich ein Schlafzimmer an. Auf der gen Westen gerichteten Seite der Zimmerflucht lag das Zimmer von Frau Heyn, der Mutter von Johanna Christiana, der von Friedrich Hölderlin geliebten Großmutter, die nach dem Tod ihres Mannes zur Tochter nach Nürtingen gezogen war. Der Raum daneben war ihr Schlafzimmer. In den Zimmern dazwischen schliefen und spielten wahrscheinlich die Kinder, solange sie klein waren.
Es ist anzunehmen, teilweise seinen Gedichten zu entnehmen, dass Friedrich Hölderlin als Heranwachsender und Ältester unter den Geschwistern seine Studierstube über dem geheizten Wohnzimmer, unter dem Mansardendach hatte. Nur von diesem Raum aus konnte er im obersten Stockwerk auf die Alb blicken, die er so gerne beschrieb. Auch die jüngeren Geschwister hielten sich bestimmt in eigenen Räumen unter dem Dach auf, als die dem Kindesalter entwachsen waren. Der Raum unter dem Dach, der nach Westen gerichtet ist, wurde möglicherweise, da trocken und warm, zur Lagerung von Getreide beziehungsweise Mehl und Ähnlichem verwendet.

Im Jahr 1795 kaufte der Waldhornbäcker das Gebäude
Auf der den Wohnzimmern gegenüberliegenden Seite der Beletage befanden sich Küche und Speisekammer, auf der Ost-, der Albseite also, vielleicht auch ein Esszimmer. Richtung Kirche und Neckar gab es noch eine große Küche, für grobe Hausarbeiten bestimmt, eine Stube und eine Kammer. Dieser Teil mag der Gesindetrakt gewesen sein. Hier befanden sich auch der Abort und die Hintertreppe von der Küche in den Hof. 1795 verkaufte Frau Gock das Haus an den Waldhornbäcker. Der Plan von 1811 lässt erkennen, dass dieser manches zu seinen Zwecken verändert hat, vor allem in den zwei untersten Stockwerken. Die unterste Etage enthielt nun eine Backstube und eine Küche mit einem großen Ofen, wohl dem Backofen. Vielleicht wurden von der Backstube aus die Backwaren verkauft, denn die Räume waren zur Neckarsteige hin offen. Die Räume im Stockwerk darüber, die nur von ganz unten über eine Treppe zu erreichen waren, dienten teilweise dem Wohnen und Schlafen. Außerdem hatte der Bäcker dort eine Holz- und eine Ofenkammer. Über eine weitere Treppe gelangte man in die Beletage. Wer sie nach 1798 bewohnte, ist nicht zu erfahren. Bis dahin lebte Frau Gock noch in dieser Wohnung, bevor sie umzog. Heute führt eine Tür von der Ostseite in die zweite Etage. Sie diente als Eingang für das Schulhaus. Heute ist auch das Gärtlein verändert. Es ist gestuft und macht den Aufgang von der Neckarsteige her sanfter.

 

Das Hölderlinhaus im Jahr 2014


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