Hölderlin-Nürtingen

Projekt Hölderlin-Ring 2010: Barbara Leib-Weiner

Hölderlin-Ring 2010: Barbara Leib-Weiner

Laudatio von Ingrid Dolde anlässlich der Verleihung des Hölderlin-Rings am 20.01.2010

 

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Frau Leib-Weiner,
einen schönen guten Abend und herzlich willkommen zu unserer ersten Hölderlin-Ringverleihung. Meinen ersten Dank möchte ich der Hausherrin, Frau Wagner-Gnan aussprechen, die dem Hölderlin-Nürtingen e.V. ermöglicht, in diesen schönen und dem Augenblick auch sehr würdigen Räumen, der Hölderlinausstellung, diese Veranstaltung machen zu können. Danke auch an die Mitglieder des Fördervereins Stadtmuseum, die für den gemütlichen Rahmen sorgen. Danke auch an das Trio, das spontan bereit war, einen musikalischen Beitrag zur Feier des Abends zu gestalten.
Ich freue mich, dass wir heute gemeinsam einen historischen Augenblick erleben: Heute wird zum ersten Mal offiziell ein Hölderlin-Ring verliehen. Der Nürtinger Goldschmied Jürgen Gairing hat den Hölderlin-Ring gestaltet, er hat auch die Verleihung an verdiente Persönlichkeiten initiiert und spendet dafür den Hölderlin-Ring. Herr Gairing, dafür herzlichen Dank.
Der Hölderlin-Ring trägt als Gravur in die Textzeile „Drum, so wandle nur wehrlos fort durchs Leben, und fürchte nichts.“ In der originalen Handschrift Hölderlins. Der Hölderlin-Nürtingen e.V. wird künftig den Ring an Persönlichkeiten verleihen, die sich um die Person und das Werk Friedrich Hölderlins besonders verdient gemacht haben. Er soll an Personen verliehen werden, die die Erinnerung an Hölderlin wach halten, denen sein künstlerisches Erbe ein Anliegen und Herausforderung ist, und die mitwirken an der Rezeption seiner Werke.
Verdient hat diesen Ring der Initiativkreis Hölderlinhaus, denn fast wäre das Nürtinger Wohnhaus der Familie Hölderlin wegen eines neuen und größeren Volkshochschul- und Verwaltungsgebäudes ohne weitere Diskussion abgerissen worden. Noch heute frage ich mich, wer dieses Gerücht in die Welt setzte, das historische Gebäude wäre um 1800 abgerissen worden? Das war schwer wieder aus der Welt zu schaffen und schwer dagegen anzukommen. Zum Glück gibt es Menschen, die sich zu Wort melden, die nachforschen und Leserbriefe schreiben, die Informationen sammeln und bekannt machen.
Einen Ring wollten wir jedoch nicht an mehrere Personen verleihen, denn er ist dafür gedacht, nicht nur in der Vitrine zu liegen. Weil sie sich besonders mit Friedrich Hölderlin und der Geschichte seiner Familie befasst hat, geht der Ring an Frau Barbara Leib-Weiner. Frau Leib-Weiner hat als Deutschlehrerin Schüler mit Hölderlin vertraut gemacht, sie schrieb 2005 über Hölderlins Mutter und sie machte sich auf ins Stadtarchiv und studierte die vorhandenen Pläne und Unterlagen, die belegten, dass am Hölderlinhaus tatsächlich viel mehr aus der Zeit Hölderlins erhalten ist, als offiziell behauptet wurde.
„Hölderlin ein Kellerkind?“ war Ihr Leserbrief in der Nürtinger Zeitung vom 06.03.2008 überschrieben. Darin stand: „Zum Teil erbarmungslos entschlossen will man das Letzte abreißen, was in der ‚Hölderlinstadt‘ baulich noch an ihren bekanntesten Bewohner erinnert. Ist man sich wirklich bewusst, was man zerstören, wovon man sich trennen will? … Hölderlin, weltweit bewundert, lebte … in unserer Stadt. Von überall zog es ihn … in dieses sein ‚Mutterhaus‘ zurück. Hier schrieb er manche seiner bedeutendsten Werke, mehr als im Tübinger Turm, den man hegt, pflegt und vorzeigt.“
In Frieder Buck fand sie einen engagierten Mitstreiter. Ein ehemaliger Högy-Schüler, der auf seine höflich-freundliche Weise eine sehr demokratische Kommunikationsplattform entwickelte, Kontakte knüpfte und aufrecht erhielt, Informationen sammelte, bündelte und verteilte, an Gesprächen mit Verwaltung und Gemeinderätinnen und Gemeinderäten teilnahm.
Auch Herr Architekt Kuby und seine Frau Ursula seien erwähnt, die sich einbrachten und die Auswirkungen auf das Stadtbild hervorhoben: z.B. markierte Herr Kuby einen Pflasterstein, der zeigte, wie viel größer der geplante Neubau würde, was der Öffentlichkeit gegenüber bis dahin verschwiegen worden war. Viele andere engagierten sich mit Rat, Tat und Leserbriefen – erwähnt sei hier noch Veith Berroth, ein ehemaliger Nürtinger und ebenfalls Högy-Schüler, der heute als Denkmalpfleger in Krefeld arbeitet. Auch allen Ungenannten herzlichen Dank.
Frau Leib-Weiner, Sie erhalten den Ring aber nicht nur stellvertretend für den Initiativkreis Hölderlinhaus, sondern weil Sie sich um Nürtingen und Hölderlin in besonderer Weise verdient gemacht haben:
Lebensdaten
Sie sind ja ‚eigentlich keine Nürtingerin‘ – sie leben erst seit 48 Jahren hier. Geboren sind sie in Stettin, als kleines Kind kamen sie nach München. Schule und Studium haben sie in dieser Großstadt absolviert, doch als sie fertig waren, gab es nur eine Stelle an einem Gymnasium in der bayerischen Provinz. So haben sie ihr Referendariat in Baden-Württemberg angetreten und sind hier in der Provinz in Baden-Württemberg, genauer in Nürtingen gelandet. Als Lehrerin habe ich Sie hier auch kennengelernt.
Sie waren die erste Frauenbeauftragte in Nürtingen. Frauenthemen sind Ihnen ein wichtiges Anliegen. Ihr Beitrag über Hölderlins Mutter in dem Sammelband Ohne Kunst hätte ich nicht leben können von 2005 macht die Lebensverhältnisse der Familie anschaulich und trägt dazu bei, Hölderlin und seine Zeit zu verstehen.
In diesen knappen biografischen Daten steckt ein Leben und auch Berufsleben mit Engagement, Zuverlässigkeit und Zuneigung zu den vermittelten Inhalten und vor allem zu den Schülerinnen und Schülern. Ich stehe hier auch in tiefem Respekt vor einer Pädagogin, die einen respektvollen und gleichzeitig kritischen Umgang mit Geschichte und Gegenwart vermittelt. Den Mainstream offen hinterfragen, nachhaken, wenn alles schon als klar und fertig erklärt wird, die eigene Gegenwart kreativ mitgestalten, dafür ist Frau Leib-Weiner ein Vorbild, dazu haben Sie mit Bildung und Erziehung beigetragen und anderen Mut gemacht.
Ich fand es mutig und bewundernswert, mit welcher Geduld Sie lange Monate mit dem Wissen um die Geschichte des Hölderlinhauses nahezu hausieren gingen. Sie haben diese Dokumente breit gestreut, Verwaltung, Öffentlichkeit, Presse … Lange wollten es nur wenige wahr haben. Sie haben Mitstreiter gefunden, Verbündete im Geiste, Sie haben mit der notwendigen Ausdauer und Hartnäckigkeit viel erreicht.
Mir persönlich ist dabei bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass Wissen und Informationen frei und offen zugänglich sind, und erst nach gründlicher und breiter Prüfung (breit meine ich durchaus im demokratischen Sinne) sollten Entscheidungen gefällt werden. Hier muss ich auch daran erinnern, dass der Gemeinderats-Beschluss zum Abriss des Hölderlinhauses immer noch Gültigkeit hat, er ist noch nicht vom Tisch. Das sogenannte Gromer-Gutachten hat allen die letzten Zweifel genommen: Es ist doch mehr aus Hölderlins Zeit als ursprünglich vermutet!
Frau Leib-Weiner, Sie haben sich um Nürtingen und Hölderlin verdient gemacht und erhalten dafür den Ring als Geschenk. Wir hoffen nun, dass das Hölderlinhaus uns und künftigen Generationen erhalten bleibt. Das Hölderlinhaus, in dem der große Sohn der Stadt Nürtingen sein Bett und seine Bücher hatte, in dem Haus, in dem er Kartoffeln aß, das Haus, dem er in seinem Gedicht Die Stille ein literarisches Denkmal setzte.

Dankesrede von Barbara Leib-Weiner: „Ich werde den Ring mit Freude tragen und ihn bewahren.“

Zuerst möchte ich Ihnen meinen ganz herzlichen Dank aussprechen für diese unerwartete Ehrung, die verbunden ist mit dem Geschenk dieses bedeutungsschweren und schönen Rings, den Herr Gairing gestaltete.
Ich werde den Ring mit Freude tragen und ihn bewahren.
Ich werde ihn aber auch in dem Bewusstsein tragen, dass ich ihn eigentlich mit meinen Mitstreitern teilen müsste. Doch er ist, wie der berühmte Ring in Nathans Parabel, nicht teilbar. So haben mir wohl die Tatsachen, dass ich als Germanistin Hölderlin näher bin, und dass ich als Frau einen Ring lieber trage als meine Kollegen, den Vorzug vor meinen Gefährten gegeben.
Verschiedene Beweggründe führten uns zusammen: Ich war entsetzt, wie leichtfertig die Stadt Nürtingen das bauliche Andenken an Hölderlin wegfegen wollte und wie viele Nürtinger den ganz anders gemeinten Satz Kochers von der „Unzierde des Hauses“ falsch verstanden. Herr Buck, und er steht mit dem Beweggrund nicht allein, liebt dieses Haus, das Schulhaus, in dem er die Schulbank drückte, das für fast alle Nürtinger, auch vor unserer Zeit, d a s Schulhaus der Stadt war. Herr Kuby sah, als Architekt, am Hölderlinhaus mit geschultem Auge die Möglichkeiten, die es bot.
Alle drei waren wir fassungslos, welcher kulturellen, welcher touristisch verwertbaren Möglichkeiten die Stadt sich durch einen Abriss und Neubau entgehen lassen wollte.
Wir führten persönliche Gespräche mit der Stadtverwaltung, wir mobilisierten Presse, Funk und Internet. Wir sprachen Mitbürger an und gingen mit einer Abstimmung auf die Straße. Wir schrieben Dokumentationen und Briefe…und vieles mehr.
Immer größer wurde das Interesse an unseren Initiativkreis Hölderlinhaus, immer mehr Menschen scharten sich um uns, die das Haus erhalten wissen wollten.
Der Nürtinger Hölderlinverein half uns kenntnisreich mit großem Einsatz, die Bewohner der Altstadt, die um den Erhalt des von ihnen so bezaubernd gestalteten Ensembles fürchteten und jeden Hammerschlag am Hölderlinhaus argwöhnisch beobachteten. Viele Nürtinger, die des Abreißens wertvoller Gebäude in der Stadt überdrüssig geworden waren. Der Heimatbund und die Tübinger Hölderlingesellschaft.
Auch manche Gemeinderäte und Oberbürgermeister Heirich sahen das Haus mit neuen Augen.
Es war die Stadt, die uns, vielleicht nicht ganz derartig beabsichtigt, den allergrößten Dienst leistete, als sie den Bauhistoriker Dr. Johannes Gromer damit beauftragte, ein Gutachten des Hauses zu erstellen. Gutachten und Vortrag Herrn Gromers zeigten eindrucksvoll, welchen Schatz Nürtingen mit dem Hölderlinhaus birgt und zu pflegen hat – und überzeugten manchen Unwissenden.
Ein wenig zu mir, da ich den Ehrenring nun tragen werde: Die Gedichte und die Sprache Hölderlins fesselten mich schon in sehr jungen Jahren.
Aber ich habe Hölderlin, wenn ich von heute aus zurückblicke, meinen Nürtinger Schülern viel zu wenig nahe gebracht. Die mangelnde Kenntnis der antiken Sprachen und Versmaße wie der Mythologie, die unsere Neuzeit-Schüler auszeichnet, hielt mich zu oft davon ab, Hölderlin zu einer Art „Pflichtdichter“ in dieser Stadt zu machen. Aber auch die Scheu, diesen geliebten Dichter zu Markte zu tragen und ihn Verletzungen auszusetzen.
Hätte ich gewusst, was ich heute weiß, hätte ich gewusst, wie viel Hölderlin mit dieser Stadt verband – ich hätte mich sicherlich mehr über seine und meine Empfindlichkeiten hinweggesetzt.
Als ich schon fast 40 Jahre in Nürtingen gelebt hatte, fast ebenso lange Deutschlehrerin für die Oberstufe war, hatte ich kaum Kenntnisse vom Ausmaß der Präsenz der Dichter Friedrich Hölderlin undEduard  Mörike in Nürtingen. Ich denke sogar, man hätte von mir aus, wie aus der Sicht vieler Nürtinger Bürger, das Haus getrost abreißen können.
Erst die umfangreichen Recherchen zu den Biografien der Mütter Hölderlins und Mörikes, die ich durchführte, um im Rahmen der Frauengeschichtswerkstatt Aufsätze über beide schreiben zu können, machten mir klar, welche Bedeutung das Haus an der Neckarsteige , „der Mutter Haus“, für das Leben Friedrich Hölderlins gehabt hat.
Diese meine lange, eigentlich unentschuldbare Unwissenheit sagt mir, wie wichtig die Arbeit des Nürtinger Hölderlinvereins ist, der sich der Pflege und dem Lebendig-Erhalten des Werks und der Person Hölderlins widmet und den Dichter vor allem auch jungen Menschen nahe zu bringen versucht, ihnen damit zeigt, welche Bedeutung er für Nürtingen hat.
Kurzer Überblick zum Verlauf unserer Überzeugungsarbeit – gespiegelt an den Überschriften der Zeitungsartikel vom Februar 2008 bis zum Mai 2009:
Der entscheidende Artikel erschien am 15. Febr.2008 in der Nürtinger Zeitung. Die Redakteurin Anneliese Lieb schrieb: Aus Hölderlins Zeit ist lediglich der Keller. Skandal oder Chance?
Am 18. Febr. 2008 veröffentlichte die Stadt Nürtingen im Internet: Nürtingen belebt den Geist des berühmten Dichtersohnes neu. Abbruch und Neubau des Hölderlinhauses für 2009 geplant. (Hier begannen unsere Aktivitäten.) Der geplante Neubau wurde vom Architekten vorgestellt.
Im Juni 2008 „Erwerle: Es hätte schlimmer kommen können. Zu den Neubauplänen.“
„Schaugerüst soll Größe des Gebäudes aufzeigen.“
1. Juli 2008 „Der Wettbewerb ist entschieden“
7. Juli 2008 „Neubau Hölderlinhaus ist richtig (Junge Union)“
17. Juli 2008 „Neues Hölderlinhaus – Ausmaß überraschte“
Das Schaugerüst wird erstellt
24. Sept. 2008 „Angesichts des Schaugerüsts: Droht Bausünde oder gewinnt die Altstadt?“
25. Sept. 2008 „Hölderlinhaus vorläufig auf Eis – Bauvorhaben ausgesetzt“
Am 10. Febr. 09 stellt der Gutachter Herr Gromer sein Gutachten dem Gemeinderat vor.
12. Febr. 2009 „Auch Teile der Fassade aus Hölderlins Zeit. Was nun?“
18. Febr. 2009 im Stadtanzeiger Stuttgart: „Ein Stück Geschichte steht mitten in Nürtingen.“ Es wird auch der Technische Beigeordnete Herr Erwerle zitiert. „Das Gebäude muss weg – Hölderlin hin oder her!“
27. Febr. 2009 Die Grünen und die Freien Wähler sprechen sich gegen einen Abriss aus. Sie fordern eine Sanierung. Denkpause! Dieser Vorschlag von OB Heirich wird angenommen.
18. März 2009 „Nürtinger SPD will das Hölderlinhaus erhalten“
20. März 2009 „Das Haus steht für mehr als nur den Dichter (Es hat Geschichte seit Schickhardt)“
18 April 2009 „Das Hölderlinhaus muss stehen bleiben“ (Worte von OB Heirich)
15. Mai 2009 „Das Elternhaus als Ort des Gedenkens. Die Tübinger Hölderlingesellschaft spricht sich für den Erhalt des Hölderlinhauses aus.“
Noch einmal zum Ring: Ich sagte, er sei für mich bedeutungsschwer. Wieder mit Lessings Nathan gesprochen: Ich werde ihn, sicher auch im Sinne meiner Gefährten, um die Kraft bitten, der von V o r u r t e i l e n freien Liebe nachzueifern, mit Sanftmut, herzlicher Verträglichkeit und Wohltun. – Das sind Worte eines Dichters, der kämpfen konnte!
In diesem Sinn verstehe ich auch die Worte von Lessings Dichterbruder Hölderlin, die in diesem Ring eingraviert sind:
„Drum wandle nur wehrlos fort durchs Leben, und fürchte nichts.“
„Wehrlos“ sehe ich als ohne schreckliche Waffen, ohne Hass usw. – jedoch mutig! „Nichts fürchtend!“
Ich denke, unser Einsatz für Hölderlin und den Fortbestand seines Elternhauses verlief im Geiste Lessings und Hölderlins.
Wir hoffen, dass auch diejenigen, die nun weiterhin für das ehrwürdige und geschichtsreiche Haus und seinen weltberühmten Dichter verantwortlich sind, vom Ethos dieser beiden Dichter beseelt sind.

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