Hölderlin-Nürtingen

Projekt Gedichtstein am Neckar

Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom!

Der Neckarstein

Der vierte Gedichtstein entlang des Rundwanderwegs „In Hölderlins Landschaft“ steht am Zusammenfluss von Steinach und Neckar und trotzt jedem Hochwasser.

Rede anlässlich der Steinsetzung am 06.10.2012 von Inge Lore Hölderle

 

Unser Hölderlinstein!
Schon viele Jahre treffen sich die sieben Basen und sechs Vettern der Familie Hölderle jedes Jahr einmal, damit sie immer in familiärer Verbindung bleiben. Öfter wurde der Wunsch geäußert, es wäre doch schön, wenn auch mal alle unsere Kinder und Enkel bei so einem Treffen dabei wären. Die Tochter der ältesten Base nahm den Vorschlag auf und meinte: wenn mich Tante Inge unterstützt, dann werden wir ein Familientreffen organisieren. Mit Hilfe von Telefon und E-Mail war es möglich, alle Verwandten auf 7. Juli 2012 in die Beutwang-Gaststätte einzuladen. Da viele der jungen Generation noch nie in Nürtingen waren, versammelten wir uns zu Beginn des Nachmittags am Stadtmuseum. In zwei Gruppen wurde eine Stadtführung gemacht. Bei der Begrüßung gab es zögernde und freudige Begegnungen, man schaute immer, wem sieht der oder die gleich, kann man erkennen, zu welchen Eltern sie gehören? Der Funke sprang schnell über, alle freuten sich aneinander. Zu einem gemeinsamen Foto stellten sich 96 Personen in Pose. Der Tag war ein so schönes Erlebnis, dass einige den Vorschlag machten, so etwas machen wir noch öfter.
Einige Tage vor dem Treffen erfuhren die „Macherinnen“, dass eine Tante ein Sparschwein aufstellen möchte und um einen Obolus für die Mühe der Organisatorinnen bitten will. Wir beide wollten sofort ablehnen. Aber Gabi hatte einen „Geistesblitz“: in der Nürtinger Zeitung war kürzlich ein Artikel mit Bild: entlang des Hölderlinweges kann man „Gedichtsteine“ stiften. Das wäre doch etwa für uns!
Der erste Hölderlin, der in Nürtingen 1495 erwähnt wird, ist unser aller Vorfahr. Sein erster Sohn Michael, geb. 1524, ist der Ahnherr unserer Familie, die seither in ununterbrochener Folge in Nürtingen ansässig ist. Unsere Enkel sind die 17.Generation. Der jüngste Teilnehmer unseres Treffens ist 1 Jahr alt, die älteste Base 83 Jahre.
Der zweite Sohn des Vorfahrs ist Johann, geb. 1525. Er ist der Ahnherr des Dichters Friedrich Hölderlin. So ist es doch nur recht und billig, dass unsere Familie einen Stein stiftet. Also konnte die Tante ihr großes Sparschwein aufstellen. Wir zeigten den Zeitungsausschnitt und baten um eine Spende. Der Vorschlag wurde sehr wohlwollend aufgenommen. Am Sonntag nach dem Familienfest kam Gabi zu mir und brachte das gemästete Sparschwein mit. Voller Spannung öffneten wir das Schwein und waren bass erstaunt – die Scheine sprudelten nur so heraus. Eifrig zählten wir alles zusammen. Welche Freude, der Betrag war so hoch, dass wir einen Stein stiften können. Glücklich umarmten wir uns. So ein schönes Fest und heute diese Überraschung: wir sind doch eine tolle Familie!
Am 07.05.2007 wurde in Nürtingen der Hölderlinverein gegründet, Frau Ingrid Dolde ist die Vorsitzende. Mit ihr setzte sich Gabi in Verbindung. Unser Angebot wurde mit Freuden angenommen. Frau Dolde versprach, nach einem Stein zu suchen und mit Herrn Alfred Jüttner die Bearbeitung zu besprechen. Am zweiten August fuhren wir voller Spannung zu dritt nach Frickenhausen, um unseren Stein und Herrn Jüttner kennen zu lernen. Im Werkstatthof erwarteten uns Frau Dolde, Herr Jüttner und seine Mitarbeiterin, Karin Weinmann.
Da lagen nun einige große Steine herum. Müssen wir uns einen aussuchen – oder wie geht das vor sich? Wir wurden freundlich begrüßt, Frau Dolde und Herr Jüttner führten uns zu einem großen Stein, der eine ganz interessante Form hatte. Dieser Stein lagerte im städtischen Bauhof bei vielen anderen Findlingen, die bei der Erweiterung der Kläranlage hinter dem Steinenberg aus der Tiefe geborgen wurden. Es ist ein Rhätsandstein und viele Millionen Jahre alt.
„Ihr könnt ihn euch anschauen und entscheiden, ob er euch zusagt“, erklärte uns Frau Dolde. Da stand ich nun neben einem Stein, ein eigenartiges Gefühl. Sagt er mir etwas, fühle ich etwas für ihn? Ich schaute ihn von allen Seiten an, befühlte ihn, schaute genauer und entdeckte, er kann mir etwas sagen: auf der Oberfläche waren Abdrücke, ganz kleine, wie von Gräsern, kleinen Tieren und vom Wasser ausgespülte Rinnen. Auf der anderen Seite war er rau, aber verschiedenfarbig durchzogen. Ich streichelte ihn. So viele Jahre ist der Stein alt. Was könnte er erzählen? Ich bekam ein ganz ehrfürchtiges Gefühl.
Es war ein heißer Sommertag. Frau Weinmann brachte uns frisches Wasser zu trinken, ich leerte etwas davon auf den Stein. Die Rillen und Vertiefungen füllten sich und er wurde immer interessanter. „Das ist unser Stein!“, sagte ich zu den anderen. „Berührt ihn, er ist ganz warm.“ Gabi und ihre Mutter stimmten zu.
Herr Jüttner besprach mit uns, wo die Zeilen des Verses hinkommen sollen: „Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom!“, aus dem Gedicht „Rückkehr in die Heimath“ von Friedrich Hölderlin, erster Vers, zweite Zeile. Diesen haben wir uns ausgesucht, weil das Elternhaus unserer Familie in der Eberhardtstraße steht und wir in der Nähe des Neckars aufgewachsen sind. Der Standort hier an der Steinach passt so gut zu uns.
Wir plauderten noch über dies und das. Übers Erzählen von früher stellten wir fest, dass wir viele gemeinsame Bekannte haben, unsere Eltern und Ureltern sich kannten. Wie klein war unser Städtle doch früher. Es wurde ein harmonischer und lustiger Nachmittag. Zum Schluss versprach Frau Weinmann: „Wenn ihr wieder kommt, trinken wir zusammen Kaffee und es gibt selbstgebackenen Apfelkuchen“.
Mitte September durften wir wieder kommen. Die Schrift war zur Begutachtung aufgetragen. Herr Jüttner wollte wissen, ob sie uns zusagt. Wir waren sehr zufrieden. Das Versprechen ging in Erfüllung und bei Kaffee und Apfelkuchen mit Streusel, den die Mutter von Frau Weinmann gebacken hatte, und die zu unserer Freude auch anwesend war, ließen wir´s uns gutgehen.
Zum Abschied streichelte ich unseren Stein und sagte ihm: „Wenn du an deinem Platz am Neckar stehen wirst, werden wir sehr stolz auf dich sein!“
Und so sind wir nun heute gekommen, um ihn einzuweihen.
Gabi und ich freuen uns und danken euch allen herzlich für eure Spenden und dass so viele von euch gekommen sind, auch nicht Verwandte, aber Freunde Hölderlins.
Frau Dolde, Frau Weinmann und ganz besonders Herrn Jüttner danken wir für seine gute und schöne Arbeit.
Ihr seid so freundliche Menschen – am liebsten würde ich noch ein paar Steine bestellen …

 

In Hölderlins Landschaft Zusammenfluss von Steinach und Neckar
Gedichtstein am Zusammenfluss von Steinach und Neckar

 

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