Presse

Erhalt des Hölderlinhauses in Nürtingen

Du stiller Ort!

STUTTGARTER ZEITUNG, 28. 04. 2016 | Von Thomas Faltin

Friedrich Hölderlin war in Tübingen, Nürtingen und Lauffen verwurzelt. Doch wie gehen diese Städte heute mit ihrem größten Sohn um?

Erhalt Hölderlinhaus Nürtingen

Das Nürtinger Hölderlinhaus Foto: Horst Rudel

Der langsame Strom des Neckars, er ver­ bindet die drei Orte Tübingen, Nürtingen und Lauffen, in denen der unglückliche Friedrich Hölderlin (1770–1843) den überwiegenden Teil seines Lebens verbracht hat. Und in vielen Gedichten ist der Fluss, teils als Spiegel von Hölderlins Seele, gegenwärtig.

„An deinen Ufern wachte mein Herz mir auf, Zum Leben, deine Wellen umspülten mich.“

In Tübingen hat Hölderlin, den viele als den größten Dichter deutscher Sprache ansehen, studiert und 36 Jahre umnachtet im Turm verbracht. Vom ersten Stock ging sein Blick über den Fluss hinweg auf die Alb. In Nürtingen wohnten seine Mutter und Geschwister, das Städtchen war sein großer, ja überhöhter Sehn­ suchtsort, an den er niedergeschlagen zurückkehrte, wenn wieder ein Lebenstraum zerstoben war.

„Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat; So käm auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet.“

Und natürlich, in Lauffen ist er geboren, dort dürfte er als Bub oft an der Zaber und am Neckar gespielt haben. In vier Jahren, am 20. März 2020, würde Friedrich Höl­ derlin 250 Jahre alt. Doch wie eigentlich gehen die drei Städte mit ihrem großen, ihrem größten Sohn um? Und was planen sie für das gewichtige Jubiläum?

Lauffens Bürgermeister Klaus­Peter Waldenberger ist ein beherzter, tatkräftiger Mann, ganz anders als der fremdelnde, tief im Gefühl wurzeln, manchmal gar lebensuntüchtige Hölderlin. Dennoch liebt der Bürgermeister den Dichter, er kann aus dem Stegreif mehrere Gedichte vortragen, und vor gut einem Jahr hat er den großen Coup gelandet: Nach jahr­ zehntelangen Querelen konnte die Stadt endlich das elterliche Haus Hölderlins na­he des ehemaligen Klosters kaufen. Noch dazu übernahm ein Lauffener Unterneh­ mer die Bezahlung. Spätestens 2017 wird das barocke Anwesen saniert und in ein Museum samt Veranstaltungsraum, Bi­bliothek und Café verwandelt. Der Bürgermeister ist zuversichtlich, 70 Prozent der Kosten über Zuschüsse abdecken zu können. Die hohen Räume, die wuchtigen Balken des Dachstuhls und der voluminöse Keller zeu­gen noch von der vermögenden Familie, in die der klei­ ne Friedrich hineingeboren wurde.

„Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ru­hen, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Men­schen / Blindlings von einer Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

Bisher sind jährlich gerade 5500 Besucher in den Turm gekommen, was zeigt, dass das Gebäude eher als pitto­reskes Accessoire der Neckarfront wahrgenommen wird denn als literarische Pilgerstätte. „Da ist noch Luft nach oben“, findet auch Christine Arbogast. Sie und Eh­renfeld, beide noch nicht allzu lange in ihren Tübinger Ämtern, wollen jedenfalls für frischen Wind sorgen. Die Latte hängen sie hoch: Hölderlin sei Tübingens „wich­tigster Dichter“, sagt Arbogast, und gerade die vielen Schriftsteller und Dichter gehörten zum „Markenkern“ der Stadt. Dieser soll jetzt gestärkt werden. Zumindest in der Vergangenheit hat Tübingen sei­nen Hölderlin aber eher lieblos behandelt. Er schwamm so mit im Stadtgeschehen. Vielleicht, weil Tübingen den Dichter nicht existenziell braucht für seinen intel­lektuellen Ruf. Natürlich ist die Geschichte toll vom kranken Hölderlin, den der Tischlermeister Ernst Zim­mer aus Ehrfurcht für Person und Werk so lange aufop­ferungsvoll gepflegt hat und der sogar im Zustand der Zerrüttung noch Vierzeiler von Weltrang verfasste.

„Die Linien des Lebens sind verschieden, Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.“

Fürs Marketing ist Hölderlin gut, aber nicht unverzicht­bar. Um es auf den Punkt zu bringen: Tübingen kommt allmählich in Fahrt, der Hölder bleibt aber nur ein Diamant in einer funkelnden Krone. In seiner Studentenzeit ist Friedrich Hölderlin oft zu Fuß von Tübingen nach Nürtingen gegangen – die knapp 30 Kilo­meter am Neckar entlang waren für den leidenschaftlichen Wanderer kein Pro­blem. Was würde er sagen, wenn er, etwa heimkehrend aus der Schweiz, die Alb he­runterkäme und erführe, wie heftig derzeit gerungen wird um sein Erbe, gerade in Nürtingen, das er selbst am stärksten als Heimatort empfunden hat und das auch viele Experten und Liebhaber an erster Stelle sehen.

„Du stiller Ort! In Träumen erschienst du fern.“

Vor acht Jahren hatte der Gemeinderat das Hölderlin­ haus, den sogenannten Schweizerhof an der Neckar­ steige, sogar abreißen lassen wollen, weil nichts Au­thentisches mehr darinnen sei. Erst ein Aufschrei von Bürgern und ein Gutachten eines Bauhistorikers haben das verhindert. Jetzt streiten sich die Stadt und der Höl­ derlin­Verein darum, wie die Sanierung erfolgt. Die Stadt will ein Stockwerk aufsetzen, um die Volkshoch­schule, die bisher auf mehrere Standorte verteilt ist, unterbringen zu können. Dafür soll das frühere histori­sche Walmdach wiederkommen. Und auch eine Ge­denkstätte auf 90 Quadratmetern ist vorgesehen.

Ingrid Dolde, die Vorsitzende des Vereins, schüttelt darüber den Kopf – das Gebäude verlöre seinen histori­schen Charakter, sagt sie. Nun aber hat der Gemeinde­ rat das Vorhaben sowieso gestoppt, weil das Geld für vordergründig wichtigere Dinge wie Wohnungen benö­ tigt wird. Es ist jetzt ungewiss, ob eine Sanierung bis zum Jubiläum stattfinden wird. Dolde, die eigentlich keine starken Worte benutzt, hat dennoch eine klare Meinung zu diesem Vorgang: „Nürtingen muss aufpas­ sen, dass es sich nicht in ganz Deutschland blamiert.“

Trotz manchen Disputs mit dem Nürtinger OB hat sie Otmar Heirich im Grunde an ihrer Seite. „Ich kämp­ fe weiter darum, dass der Gemeinderat noch vor der Sommerpause den Weg freimacht“, sagt er. „Die Sanie­rung bis 2020 ist eigentlich ein Muss.“ Da müssten, ap­pelliert er, Meinungsverschiedenheiten zurückstehen. Doch was Hölderlin angeht, liegt eine seltsame Stim­mung über der Stadt. Ja, im Stadtmuseum gibt es einen großen Hölderlin-­Raum, der nur leider im Gegensatz zum lebendigen historischen Teil des Museums sehr aktenlastig ist. An der Mündung der Steinach in den Ne­ckar steht ein Stein mit einem schönen Vers. Und auch einen Wanderweg auf Hölderlins Spuren gibt es, hinauf zieht er zum mystischen Winkel von Hardt.

„Hinunter sinket der Wald, Und Knospen ähnlich, hängen Einwärts die Blätter.“

Doch scheinen viele Lokalpolitiker mit Hölderlin wenig anfangen zu können, als Marketing­-Zugpferd wurde er kaum entdeckt. Nur ein Beispiel: Auf Lauffens Websei­ten begegnet einem Hölderlin auf der Startseite – in Nürtingen muss man lange suchen, bis man etwas fin­det. Um es also auf den Punkt zu bringen: Man müht sich aufrichtig. Aber Leidenschaft sieht anders aus.

Am Rand des Schwarzwalds, in Calw, da lebte einst ein anderer großer Dichter: Hermann Hesse. Was die Städte am Neckar mit Hölderlin noch weitgehend vor sich haben, das hat Calw schon geschafft – Calw und Hesse, das ist eins, real, virtuell, museal. Für Calw sei Hesse jenes Alleinstellungsmerkmal, nach dem andere Städte krampfhaft suchten, sagt OB Ralf Eggert: „Wir hätten nur einen Bruchteil der Besucher ohne Hesse.“ Insofern hält er seine offensive Vermarktungsstrategie für richtig, auch und gerade unter schnöden finanziel­len Gesichtspunkten. „Das zahlt sich aus“, ist der Ober­ bürgermeister überzeugt, „in Euro und Cent.“

Über den Verein Hölderlin-Nürtingen. Wir freuen uns auf neue Mitglieder und über Sponsoren für unser Kulturprogramm. Unseren Sponsoren herzlichen Dank – sie machen unsere Beiträge zur Kultur möglich:

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