Hölderlin-Nürtingen

Presse: „Wohl geh ich täglich andere Pfade“ – Ein Buch über Hölderlins Orte

Reiseführer zu Hölderlin-Orten

NÜRTINGER ZEITUNG, 18.11.2016 | Von Andreas Warausch

Ingrid Dolde hat mit Eva Ehrenfeld das Buch „Wohl geh ich täglich andere Pfade“ herausgegeben

Das Cover des neuen Buchs ziert die Collage „Nürtingen-Neckarweg“ von Claudia Schellmann, die Lehrerin am Nürtinger Hölderlin-Gymnasium ist. Foto: Holzwarth

Das Cover des neuen Buchs ziert die Collage „Nürtingen-Neckarweg“ von Claudia Schellmann, die Lehrerin am Nürtinger Hölderlin-Gymnasium ist. Foto: Holzwarth

Es war ein Leben auf der Wanderschaft. Auf der der Dichter oft nach Nürtingen zurückkehrte. Und es war ein Lebensweg, der in seinen wichtigsten Stationen eng an den Neckar gekoppelt ist. Lauffen, Nürtingen, Tübingen. Eben jene Wanderschaften und jenen Lebensweg des Dichters Friedrich Hölderlin zeichnet nun ein Buch nach, das Ingrid Dolde, die Chefin des Vereins Hölderlin-Nürtingen zusammen mit Eva Ehrenfeld, der Geschäftsführerin der Tübinger Hölderlin-Gesellschaft, herausgegeben hat. „Wohl geh ich täglich andere Pfade“ heißt das im Belser Verlag erschienene Buch, dessen Untertitel treffenderweise „Friedrich Hölderlin und seine Orte“ lautet.

Vorgestellt werden 13 Orte, an denen der Dichter eine Zeit seines Lebens verbrachte. Dabei sind auch die Zwischenstationen berücksichtigt. So entsteht ein kleiner Reiseführer eben zu Hölderlins Orten. Die exakten Hölderlin-Orte in jenen Orten werden dergestalt beleuchtet, dass sie den Fragenden, den Interessierten, bei Ausflügen begleiten können. Und der Leser bekommt darüber hinaus Zeitkolorit und interessante Hintergrundinformationen zu Hölderlins Zeit geliefert.

Herausgeberin Ingrid Dolde unterstreicht, dass das Land reich an literaturwissenschaftlich bedeutsamen Orten ist. „Am Neckar reihen sie sich wie Perlen aneinander“, sagt sie. Von Lauffen über Nürtingen nach Tübingen. Das ist gerade wichtig, wenn Menschen von weiter weg kommen, um auf Hölderlins Spuren zu wandeln. Ingrid Dolde: „Die nehmen die ganze Region als eines wahr.“ Deshalb galt es, den geschichtlichen Hintergrund mit Hölderlin zu verknüpfen und auch die Gedichte zu verorten.

Ein gutes Beispiel für diese verknüpfende Erzähltechnik ist gleich der erste Lebensort des Dichters, der auch als Erstes beschrieben wird: Hölderlins Geburtsort Lauffen. Hier gibt es das Hölderlin-Denkmal von Joachim Lenk. Der Leser bekommt es erklärt, freilich mit Bild. Eine Information zur Vita Hölderlins: Hier arbeitete sein leiblicher Vater als Klosterverwalter. Ein Bild jener Zeit, der Mitte des 18. Jahrhunderts, entsteht, wenn Herausgeberin Eva Ehrenfeld als Autorin dieses Aufsatzes erklärt, was die Aufgabe eines weltlichen Klosterverwalters war. Auch die Lebensgeschichte der Mutter wird hier schon erzählt, der frühe Tod des Vaters thematisiert und so auch vom Umzug nach Nürtingen berichtet. Angereichert von Auszügen von Hölderlins Gedicht „Der Neckar“.

Dann also Nürtingen. Dieser Aufsatz freilich stammt aus der Feder von Ingrid Dolde. Es ist ihr ganz besonderes Spezialgebiet, von Hölderlins Nürtingen zu erzählen, sein Lebensumfeld auszuleuchten, Episoden in möglicher Wirklichkeit aufscheinen zu lassen – tiefgründig und doch anschaulich wie kaum ein anderer.

Die Wichtigkeit Nürtingens für die Hölderlin-Rezeption macht Ingrid Dolde denn auch gleich eingangs ihres Aufsatzes deutlich: „Hier finden sich die meisten sichtbaren noch authentischen Orte seines Lebens und Wirkens, zu denen auch die Landschaft gehört, die er schon früh erkundete.“

So erklingt auch an dieser zweiten Station des Buchs unter anderem „Der Neckar“. Ja, es ist Hölderlins jugendliche Sehnsuchtshymne. Nach Hause und hinaus in die Welt gekehrt. Und der Neckar ist Sinnbild der nahen und fernen Ideallandschaft. In Nürtingen selbst aber führt Dolde den Leser zum Hölderlin-Garten der FKN eben drunten am Neckar, und auch zum tosenden Neckarwehr. Man besucht das Stadtmuseum mit der Sammlung zur Pflegschaftsakte, sieht die Lateinschule, erfährt, welche Stellung und Funktion sie in der damaligen Bildungslandschaft hatte.

Immer wieder tauchen Originalzitate auf

Und freilich geht es zum authentischsten der Erinnerungsorte, zum Hölderlinhaus in der Neckarsteige. Doch so wie der Lebensweg der Mutter und auch die Heimkünfte ihres Dichtersohnes sich wandelten, muss der Weg des Buchs weiter in die Kirchstraße 17 führen. Ja, so erzählt das Buch, durchsetzt von Originaltzitaten wie dem Gedicht vom „Winkel von Hardt“, anhand der Orte die Lebensgeschichte Hölderlins.

Die verlief in früher Jugend weiter im Kloster Denkendorf. Es ist Ingrid Doldes zweiter Text im Buch, in dem sie berichtet, wie Hölderlin unter dem strengen Regiment dort litt, in dem sie aber auch die Bedeutung und Geschichte dieses nahe liegenden Juwels schildert.

Sein Bildungsweg führte Hölderlin weiter nach Maulbronn und Tübingen. Funktion und Geschichte der Orte, der dortigen Einrichtungen werden verbunden mit Hölderlins Ankunft und Geschichte. Und gerade das Kapitel über die altehrwürdige Universitätsstadt nimmt breiten Raum ein. Klar, hier lernte Hölderlin nicht nur im evangelischen Stift, hier ist nicht nur der Ort des Pfarrerstudiums. Hier verbrachte er, vermeintlich krank an Seele und Geist, seinen Jahrzehnte währenden Lebensabend im Turm zwischen Neckar und Burse.

Nach Tübingen weicht der Band von der großen Linie des Lebenswegs ab hin zu den kürzeren, aber oft natürlich nicht minder wichtigen Stationen Hölderlins. Waltershausen, Jena. Die Geschichte der Frau von Kalb. Goethe und Schiller. Natürlich Frankfurt. Dort, wo er sich als Hauslehrer im Bankiershaus Gontard unsterblich in seine Susette, unglücklicherweise die Frau seines Arbeitgebers. verliebte. Dann Driburg 1796, die Flucht vor den Wirren und Auswirkungen der napoleonischen Kriege. Homburg, wo auch das den Titel des Buches spendende Gedicht entstand. Auch die weniger bekannten Wege, die ihn nach Hauptwil führten. Ja, und auch die Entspannung, die er in seiner Zeit in Stuttgart fand, ehe die 100 Tage in Bordeaux, von denen er in endgültig derangiertem Zustand nach Nürtingen zurückkehrte, den großen Reigen abschließen.

Eine kurze Biografie schließt das Buch ab. Und schon an den Texten zu den jeweiligen Orten verankert runden Texte über die Tübinger Hölderlin-Gesellschaft und das Hölderlin-Archiv in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart die Reise zu den Orten Hölderlins ab. Es ist eine schlüssige, eine griffige und unterhaltsame Reise mit großem Nutzwert. Ein Zugang zu Hölderlin diesseits der vermeintlichen Schwelle der schweren Ergründlichkeit mancher Texte. Ein Zugang zu Hölderlin als Mensch, ein Zugang zu seinem Lebensweg, den wir anhand des Buches nachschreiten können.

Ingrid Dolde/Eva Ehrenfeld (Hrsg.): „Wohl geh ich täglich andere Pfade – Friedrich Hölderlin und seine Orte“; Belser Verlag, Stuttgart; 128 Seiten mit vielen farbigen Bildern; 19,99 Euro

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