„Literatur braucht Verortungen“

Bei der Einweihung des vierten Gedichtsteins entlang des Hölderlin-Wanderwegs standen die Nachfahren des Dichters Pate

Seit einigen Monaten stellt der Verein Hölderlin-Nürtingen entlang des Rundwanderwegs „In Hölderlins Landschaft“ Gedichtsteine auf. Die Aktion erfreut sich großer Beliebtheit, sodass man für das Setzen des vierten Steines eine Reihe ganz besonderer Steinpaten gewinnen konnte.

Von Marian Reuss

Hölderlin Gedichtsteine

Vereinsvorsitzende Ingrid Dolde (links vom Stein) zusammen mit den Hölderles, Inge Herbst (rechts vom Stein) und Gabriele Frisch (rechts außen) mar

Über zwei Jahrhunderte ist es her, dass Friedrich Hölderlin im Juni des Jahres 1800 den Weg aus Homburg ins heimische Nürtingen antrat. Grund genug für den Dichter, seine tiefe Verbundenheit in der Ode „Rückkehr in die Heimath“ zum Ausdruck zu bringen.

Dass Hölderlin und Nürtingen heute in einem Atemzug genannt werden, ist sicherlich auch ein Verdienst der vielen engagierten Nürtinger, die sich um das lyrische und kulturelle Erbe des Sohnes der Stadt bemühen. So auch der Verein Hölderlin-Nürtingen, der im Juni dieses Jahres den ersten Gedichstein auf dem Rundwanderweg „In Hölderlins Landschaft“ setzte.

„Literatur braucht immer auch Verortungen“, erklärt Ingrid Dolde, Vorsitzendes des Vereins, die Idee dahinter. Man versuche mittels der Steine, in die jeweils ein Vers aus ebendiesem Gedicht eingraviert ist, den beliebten Wanderweg noch einmal aufzuwerten, sagt sie. Nach der Einweihung des ersten Steines gab es viel positive Resonanz und so fanden sich immer mehr Nürtinger, die bereit waren, eine Patenschaft für einen der Brocken zu übernehmen. „Die Idee kommt überall toll an und die Leute sind begeistert“, freut sich Dolde über den Erfolg der Gedichtsteine.

30 Nachfahren des Dichters reisten nach Nürtingen

Zur Einweihung von Stein Nummer vier konnte man eine Reihe ganz besonderer Steinpaten gewinnen: Der Familienverband der Hölderles, Nachfahren des Dichters, war durch einen Artikel in der Nürtinger Zeitung auf die Aktion aufmerksam geworden und sofort begeistert von dem Vorhaben. Familienintern sammelte man für das Aufstellen eines eigenen Hölderle-Steins.

Ganz nach alter Familientradition reisten so am Samstag knapp 30 der 110 Hölderles aus nah und fern zum Ort ihrer Wurzeln, um den 450-Kilo-Koloss wieder nahe seinem Ursprungsort einzusetzen: Der Rhätsandstein, vermutlich beim Bau der Nürtinger Kläranlage aus dem Neckar gehievt, wurde an der idyllischen Einmündung der Steinach in den Neckar abgesetzt. Passend zum Lageort des Steins wird er von der Gravur „Und die mit deinen Pappeln, geliebter Strom!“ geziert, dem zweiten Vers der ersten Strophe des Gedichts.

„Für mich war sofort klar, das ist unser Stein“, sagte Inge Herbst, die gemeinsam mit Gabriele Frisch stellvertretend für den Familienverband die Werdung des Gedichtsteins vom ersten Moment an verfolgt hat. Gemeinsam besuchte man den Frickenhäuser Bildhauer Alfred Jüttner, der sich der praktischen Umsetzung annahm: Er bearbeitete den Stein, gravierte Gedichtvers und das Zeichen Hölderlins ein. Knapp 30 Stunden hätten die Arbeiten an dem Hölderle-Exemplar gedauert, so Jüttner, der bisher alle vier Gedichtsteine angefertigt hat.

Herbst, die bereits seit etlichen Jahren die Seniorentreffen der Hölderles mitorganisiert, freute sich über die gelungene Zusammenarbeit mit dem Künstler, dem Verein Hölderlin-Nürtingen sowie das tolle Endergebnis: „Am liebsten würde ich noch ein paar Steine bestellen“, scherzte sie.

Längerfristig ist es das Ziel des Vereins, noch mehr Menschen für eine Steinpatenschaft und so für Hölderlins Werke begeistern zu können: „Ich hoffe, dass die Menschen, die hier vorbeilaufen, einen Moment innehalten und wissen, hier ist dieses Gedicht anzusiedeln“, sagt Ingrid Dolde.

NÜRTINGER ZEITUNG vom 8. Oktober 2012

IMPRESSUM | DATENSCHUTZERKLÄRUNG