Die Liebe, die Musik und Hölderlin

Mit dem „Kulinarium“ macht sich der Verein Hölderlin-Nürtingen einmal mehr auf die Spur des Dichters

NÜRTINGEN. Seine verbotene Liebe zu Susette Gontard hat der Welt einen der schönsten lyrischen Briefromane seiner Zeit beschert: Friedrich Hölderlin setzte seiner Angebeteten in der Figur der Diotima ein ewig währendes Andenken. „Wem sonst als Dir“ widmete er sein Werk der Frankfurter Bankiersgattin, zu der er während seiner Hauslehrerjahre voller Leidenschaft entbrannte. Der Verein Hölderlin-Nürtingen setzte diese Widmung über sein diesjähriges Kulinarium, bei dem auch die Speisekarte Hölderlin’sche Anklänge hatte.

Von Nicole Mohn

Ein Abend im Zeichen der Liebe - Hölderlin Kulinarium

Angela Gerhold begeisterte mit ihrer Powerstimme. Begleitet wurde sie am Flügel von Michael Schlierf. Foto: zog

Liebe, Musik und Hölderlin – auch in der dritten Auflage seines lyrischen Eventdinners setzen die Macher von Hölderlin-Nürtingen auf die Verquickung von Genüssen, um für den großen Sohn der Stadt eine Bühne zu bereiten. In diesem Jahr hat sich das Team um die Vorsitzende Ingrid Dolde eine der schönsten Pop-Stimmen der Region dazu ins Boot geholt: Angela Gerhold, Preisträgerin des Deutschen Poppreises 1998, sang am Freitagabend für die Gäste des „Kulinariums“ im Panoramasaal des K3N Lieder von der Sehnsucht und der Liebe. Begleitet wurde die Frau mit der Powerstimme dabei am Flügel vom Ausnahme-Pianisten Michael Schlierf. Ein eingespieltes Duo, das sich musikalisch auf das Eindrucksvollste ergänzt – und befeuert.

Zugegeben, Hölderlin spielte bei der dritten Auflage des doppelten Genusses dieses Jahr eine untergeordnete Rolle. Hier und da streute Angela Gerhold Gedichtzeilen vom großen Sohn Nürtingens, Erich Fried und Claudius ein – der Ton an diesem Abend ist allerdings deutlich moderner. Vor allem in der Musik. Kracher voller Soul wie „Just the two of us“ oder „Through the fire“ hat das Duo im Gepäck, bei denen die Stimme von Angela Gerhold soulig groovt und Schlierfs Finger wie unter Feuer über die Tasten tanzen. Bei Cindy Laupers „True colour“ spielt die Sängerin ihre ausdrucksstarke Live-Präsenz voll aus. Und zeigt bei Klassikern wie „Summertime“ und „My valentine“ beachtliche Blues-Qualitäten.

Doch es sind vor allem die leisen, charmanten und feinsinnigen Lieder von Pe Werner, die mit „Weibsbilder“ oder „Kribbeln im Bauch“ deutsche Musikgeschichte machte, die dem Nürtinger Publikum unter die Haut gehen. Schon zum Auftakt gibt es eines dieser Gänsehaut-Lieder: In „Freibeuter-Sehnsucht“ rückt Angela Gerhold den Panoramasaal an den sonnenbeschienenen Strand. Noch mehr Meeresrauschen gibt es bei den Instrumentalstücken von und mit Michael Schlierf aus seiner aktuellen CD „Ruhe finden“. In „Himmelszelt“ – inspiriert von Matthias Claudius’ „Die Sternseherin Lise“ – sprenkelt das Piano Sterne ans Firmament, lässt zu Frieds „Salzschaum“ den Sand unter den Füßen spüren.

Das Menü an diesem Abend, wie schon in den Vorjahren aus der Küche von Jörg Ebermann, trägt allerdings deutlich schwäbische Wurzeln. Gaisburger Marsch, soufflierte Kartoffeln mit weißen Rüben auf Erbsencreme und Schweinelende nach Bauernart mit Muspolenta sowie Mostzabaione mit Birnen serviert das Ebermann-Team. „Wir wollten damit der Zeit Hölderlins etwas nachspüren“, sagt Ingrid Dolde. Einfache Gerichte wie der Schwarze Brei und Most standen Pate für ein Menü, das sich sowohl alten Traditionen entsann als auch die Brücke zum Jetzt kunstvoll schlug.

Zum Abschied eines runden Abends gab es für jeden Gast noch ein Zitat Hölderlins mit auf den Weg. „Zum Mitnehmen und Weitertragen“ hatte der Verein stimmungsvolle Passagen aus Hölderlins klangreichem Werk an rote Hartriegelzweige gehängt. Indes blieben die grünen Hartriegelzweige, die ebenfalls zur Dekoration gehörten, noch leer: Sie sollen sich in den nächsten Jahren füllen – mit Gedanken, Neuem und Ideen zu Hölderlin. Denn von dem Dichter, dessen 240. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, gebe es in Nürtingen noch vieles zu entdecken und aus versteckten Ecken zu holen, sagt Ingrid Dolde.