„Ein erlebbares Gedächtnis der Geschichte“

Auszeichnung für die Leiterin des Nürtinger Stadtmuseums: Angela Wagner-Gnan wurde der Hölderlin-Ring verliehen

NÜRTINGEN. Zum zweiten Mal verlieh der Verein Hölderlin-Nürtingen am Mittwoch den Hölderlin-Ring an eine Persönlichkeit, die sich um die Erinnerung an die Person und das Werk des Dichters Friedrich Hölderlin verdient gemacht hat. An der Stätte ihrer Arbeit wurde Stadtmuseumsleiterin Angela Wagner-Gnan ausgezeichnet.

Von Andreas Warausch

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Stolze Trägerin: Angela Wagner-Gnan mit dem ihr frisch verliehenen Hölderlin-Ring Foto: Holzwarth

Damit ging die Auszeichnung, so die Vereinsvorsitzende Ingrid Dolde, in diesem Jahr an die Vertreterin einer Institution, nachdem im letzten Jahr mit Barbara Leib-Weiner die Vertreterin der Initiative ausgezeichnet worden war, die sich für den Erhalt des Hölderlinhauses einsetze. Angela Wagner-Gnan zeichnet seit über 20 Jahren auch für die literarische Abteilung „Hölderlin, der Pflegsohn“ des Museums verantwortlich. Verliehen wurde der Ring im Raum eben jener literarischen Abteilung. Er war am Mittwochabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch das Quintett des Neigungskurses Musik des Hölderlin-Gymnasiums von Florian Eisentraut musste bei seiner musikalischen Umrahmung zusammenrücken.

Gekommen waren nicht nur Mitglieder des Vereins Hölderlin-Nürtingen, sondern auch Wagner-Gnans Weggefährten aus Reihen des Fördervereins des Museums. Eine offizielle Vertretung der Stadtverwaltung war indes nicht auszumachen.

Initiativen und Institutionen – Ingrid Dolde unterstrich in ihrer Laudatio beider Wichtigkeit. Institutionen, wie das Stadtmuseum eben, seien feste Formen, die dem Gemeinwesen Gestalt geben. Die Aufgabe, die Vergangenheit zu bewahren, habe die Stadt eben auch an diesen festen Ort vergeben. Ingrid Dolde: „Das Stadtmuseum ist ein erlebbares Gedächtnis der Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes.“ Diese Strukturen könnten andere Institutionen und Gruppierungen wie auch zum Beispiel der Hölderlin-Verein nutzen.

Angela Wagner-Gnan als Vertreterin der Institution Stadtmuseum habe auch in mageren Jahren, in denen wenige Besucher kamen, die für Nürtingen wichtige literarische Gedenkstätte betreut, erläuterte Ingrid Dolde. Klar, dass sie damit das Kriterium des Vereins Hölderlin-Nürtingen für die Verleihung des Ringes erfüllte. Schließlich sollen Persönlichkeiten bedacht werden, die die Erinnerung an den Dichter wach halten. So ging Angela Wagner-Gnan auch vor bald zwei Jahren die Kooperation mit dem Verein und dem Hölderlin-Gymnasium ein. Mit der Hölderlin-Führung von Schülern für Schüler kommen viele junge Menschen ins Museum. Die neuen Ausstellungen im Kabinett sind ein weiteres Produkt dieser Kooperation zwischen Museum und Verein.

Beim Umzug tauchte die vermisste zweite Pflegschaftsakte auf

Mit der Ring-Verleihung, so Ingrid Dolde, werde die kontinuierliche Arbeit Angela Wagner-Gnans gewürdigt. Sie sorge dafür, dass das Museum für viele zum Lernort wird. So könne das Museum Gedächtnis sein, Überliefertes bewahren, Geschichte lebendig halten und Perspektiven eröffnen. „Ich nehme den Ring mit Freude an“, bekannte Angela Wagner-Gnan. Sie wolle Mut zu Hölderlin machen. Dazu erzählte sie, wie sie selbst lange Zeit als Schülerin in Nürtingen um Hölderlin herumgekommen sei. Selbst zu Beginn ihres Studiums, neben der Soziologie und Volkskunde studierte die in Reutlingen Geborene auch Germanistik, sei ihr Wissen zu Hölderlin gleich null gewesen. Erst als sie in Nürtingen 1987 eine literarische Ausstellung zu den Heimattagen habe auf die Beine stellen müssen, habe sie die Scheu überwunden. Schon da sei ihr weniger die hermeneutische Methode der strikten Textauslegung ein Anliegen gewesen. Sie interessierte sich für die Quellen, die von Lebensumständen künden. Im Stadtarchiv habe sie Material über den jungen Hölderlin und auch die Pflegschaftsakte gefunden. Beim Umzug der Ausstellung ins Museum habe ein Mitarbeiter gar die verschollen geglaubte zweite Pflegschaftsakte gefunden.

Viele, so die Geehrte, hätten den Dichter nicht als Sohn der Stadt gesehen. Stets habe man den Heimatbezug belegen müssen, gegen das Vorurteil vom „schwierigen Dichter“ kämpfen müssen. Meist seien Leute von außerhalb gekommen, um die Hölderlin-Abteilung zu sehen. „Ich hatte resigniert“, blickt sie ehrlich zurück. Dann, 2009, sei der Verein Hölderlin-Nürtingen mit einem frischen Vermittlungskonzept auf sie zugekommen. Jetzt bewege man sich außerhalb verkrusteter Strukturen, bewahre man Stätten und Erinnerung. Ihr augenzwinkernder Wunsch: ein jeder Nürtinger möge wenigstens ein Hölderlin-Fragment auswendig können.

Die letzte Zeile des Hölderlin-Gedichts „Andenken“ hat der Goldschmied, Preisstifter und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Hölderlin-Nürtingen, Jürgen Gairing, schon einmal auf den zu verleihenden Ring gebannt. „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ steht da, das Hiemer-Porträt kommt dazu. Er steckte Angela Wagner-Gnan den Ring an. Gairing hat ihn für die Preisträger übrigens ganz neu gestaltet, damit er sich von seinem kommerziellen Hölderlinring klar unterscheidet.

NÜRTINGER ZEITUNG vom 21. Januar 2011