Hölderlin goes Metal

Ein Wandelkonzert mit Vertonungen des Dichters aus drei Jahrhunderten

NÜRTINGEN. Wenn der Weg das Ziel ist, dann war man am Samstagabend in der Nürtinger Innenstadt durchaus angekommen. Den großen Dichtersohn Friedrich Hölderlin seiner Stadt nahezubringen, eine stetige Beschäftigung mit seinem Leben und Werk herbeizuführen, das nämlich hat sich der Verein Hölderlin-Nürtingen auf die Fahne geschrieben. Als neueste Passage des spannenden Weges der Annäherung nun bot das Team um Ingrid Dolde ein Wandelkonzert mit Musik aus drei Jahrhunderten an drei Stationen an. Das Motto lautete “Nürtingen singt Hölderlin”. Es wurde trotz manch anspruchsvoller Ingredienz ein heiterer, unterhaltsamer und interessanter Abend.

Von Andreas Warausch

Nürtingen singt Hölderlin

Der Kammerchor des Nürtinger Hölderlin-Gymnasiums sang Texte des Namensgebers seiner Schule in der Kreuzkirche. Foto: Holzwarth

NüRTINGEN. Wenn der Weg das Ziel ist, dann war man am Samstagabend in der Nürtinger Innenstadt durchaus angekommen. Den großen Dichtersohn Friedrich Hölderlin seiner Stadt nahezubringen, eine stetige Beschäftigung mit seinem Leben und Werk herbeizuführen, das nämlich hat sich der Verein Hölderlin-Nürtingen auf die Fahne geschrieben. Als neueste Passage des spannenden Weges der Annäherung nun bot das Team um Ingrid Dolde ein Wandelkonzert mit Musik aus drei Jahrhunderten an drei Stationen an. Das Motto lautete “Nürtingen singt Hölderlin”. Es wurde trotz manch anspruchsvoller Ingredienz ein heiterer, unterhaltsamer und interessanter Abend.

Das Konzept des Vereins ist mittlerweile bewährt. Die Beschäftigung mit Hölderlin, den manch einer immer noch konsequent bis verbohrt als den sperrigen Dichter verkennen will, soll mit Akteuren aus der eigenen Stadt befördert werden. Da sind Künstler, aber auch Laien. Und da sind Schüler, die sich immer wieder animieren lassen, dem Dichter die Reverenz zu erweisen. Dennoch: Will der Verein neue Facetten erschließen, das Publikum gar immer bei Laune halten, muss das Konzept immer wieder neu erfunden werden. Im Frühjahr war es “Nürtingen liest Hölderlin”, nun also wurde gesungen. An drei Stationen.

Die Akteure hatten für jede der an diesem verregneten Vorwinterabend drei stattlichen Besuchergruppen ihr jeweils halbstündiges Programm zu präsentieren. Eine Herausforderung an Konzentration und Motivation, die alle Beteiligten bravourös meisterten.

Das Wandeln auf den musikalischen Spuren der lyrischen Werke des Dichters konnte zum Beispiel in der Kreuzkirche beginnen. In Nürtingens klein-feinen Kulturtempel wartete - großzügig stilistisch eingeordnet - das 20. Jahrhundert. Der Kammerchor des Hölderlin-Gymnasiums unter Benedikt Brändle intonierte Vertonungen der Gedichte “Die Heimat”, “An eine Rose” und “Der Neckar”, die Susanne Hinkelbein für die Hölderlinspaziergänge des Melchinger Theaters Lindenhof geschaffen hatte. Gerade “Die Rose”, ein kurzes Gedicht nur, klingt stimmlich erstaunlich reif. Und auch den anspruchsvollen Verstrickungen der Melodieverläufe des heiteren “Neckars” erweisen sich die jungen Sänger gewachsen.

Nürtingen singt Hölderlin

Foto: Holzwarth

Mit von der Partie in der Kreuzkirche sind aber auch Mitglieder des Theaterworkshops des Hölderlin-Gymnasiums unter Annette Adams und Klaus Kiewert. Und weitere Högy-Schüler. So wird die Vorstellung dort von der Rezitation von Hölderlins “Andenken” abgerundet.

“Was bleibet aber stiften die Dichter”: jenes unsterbliche Zitat erklingt zum Schluss der Zeilen wieder und wieder - in verschiedensten Sprachen. Ob Polnisch, Ukrainisch, Indonesisch, Japanisch, Norwegisch, oder, oder, oder: Es ist eine Sprache. Es ist die universelle Sprache, die ihr innewohnende Kraft, die aus jeder ihrer globalen Ausprägungen herausragt. Es ist eine Sprache. Ja, es ist Hölderlins Sprache.

Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss zu Hölderlin und dem Ort geleiteten die drei Schüler-Guides die Truppe zum Schweizerhof, wo Hölderlin als Kind lebte, und dann seinen Schulweg hinauf zur Lateinschule.

Doch zuerst galt es Station zu machen in der Stadtkirche. Hier wartete der Projektchor des Kammerchors Nürtingen unter Hans-Peter Bader mit Margret Schaal an der Querflöte zuerst mit der Vertonung John van Burens von “Diotima, Komm und besänftige mir. . .”

Van Buren hatte sich anlässlich eines Auftrags zu den Nürtinger Heimattagen vor 20 Jahren mit diesem Text kompositorisch befasst. Es ist die Vielstimmigkeit der Moderne, die auch den Zuhörern große Konzentration abverlangt. Eine lohnende Investition, denn der in Stuttgart lebende Komponist bedachte bei allem auch vom Melodiösem abrückenden Erfindungsreichtum seine Komposition mit großer Klarheit, die sein Gefühl für Lyrik widerspiegelt.

Danach “Hyperions Schicksalslied” von Johannes Brahms, jenes großen Mannes, der der Romantik Töne verlieh. Für Hans-Peter Bader ist der Auszug aus Hölderlins Roman so etwas wie die “Nürtinger Hymne”, Teile davon finden sich zum Beispiel auf dem Hölderlinbrunnen hinter der Kreuzkirche. Der Komponist zeigt hier seine innere Erlebenswelt, er setzte diese in Töne, da er von der Aussage des Dichters ergriffen war. Und eben jene Verwandtschaft im Geiste transportierte der Chor souverän und stimmungsvoll.

Brahms lässt zunächst das himmlische Idyll sphärisch klingen, wenn der Dichter sehnsuchtsvoll das Leben der Götter preist. Dann aber das Leid, der Jammer menschlicher Existenz im Gegensatz dazu. Wuchtig, aufgeregt, empört, ja dramatisch ist der Absturz vom Komponisten und den Ausführenden umgesetzt. Brahms hatte dem Chor ein Orchester zur Seite gesetzt. Für den Hölderlinabend packte Laurentius-Kantor Michael Culo die gesamte Klangwelt des Orchesters in seine Orgel. Auch dies ein gewaltiges, klangliches Erlebnis.

Weitere klangliche Erlebnisse ganz anderer Couleur hatte indes zum Abschluss dieser Version des musikalischen Wandelns auf des Dichters Spuren die junge Nürtinger Band RasgaRasga im Fritz-Ruoff-Saal der Kreissparkasse parat. Willkommen im 21. Jahrhundert! Wie das klingen kann, führten die jungen Leute, sie hatten sich vor zwei Jahren auf dem Hölderlin-Gymnasium und der Waldorfschule gefunden, gleich vor Ohren. Dazu steuerten Mitglieder der Media-AG des Hölderlin-Gymnasiums überaus passende Videoclips und Bilder bei.

RasgaRasga, das ist ein bunter Stilmix. Polka, Gypsy, Balkan - und Ska, jene kraftvoll-freche Stilrichtung, die ungefähr und sehr vereinfacht Rock, Punk und Reggae miteinander vereint. RasgaRasga nahmen sich Zeilen von “Diotima” und dem “Zeitgeist” an. Und bei “Selbstquälerei” kleideten sie Hölderlin gar in ein ironisch-kleidsames “Metal”-Gewand. Das alles klang nullkommanull aufgesetzt oder erzwungen. Auch in diesem schwungvollen Mix des Heute kann die Stimme des Dichters erklingen. Natürlich.

Ganz nebenbei nützten RasgaRasga mit ihren eisklaren und doch heißen Trompeten-, Posaunen- und Streicherläufen zum Stakkato der Gitarre für Eigenwerbung, indem sie auch drei hölderlinfreie Stücke zum Besten gaben. Sängerin Franziska Schuster versteckte sich nur optisch hinter ihren Mitstreitern. Stimmlich setzte sie sich, Ausprägungen verschiedenster Stilelemente intonierend, immer wieder brillant in Szene. Sich hier nicht zum Tanzen hinreißen zu lassen, muss für manchen ein wahrer Kraftakt gewesen sein.

NÜRTINGER ZEITUNG vom 19. Oktober 2009