Schüler wandeln auf Hölderlins Spuren

Am Montag begaben sich Schüler des Hölderlin-Gymnasiums und der Mörikeschule auf die Spuren des Nürtinger Dichters

„Wer weiß was über Hölderlin?“, fragen Egzona Hyseni und Laura Orlik gerade in die Runde. Vor ihnen steht die Klasse 5a des Nürtinger Hölderlin-Gymnasiums. Und alle schreien durcheinander. „Schüler führen Schüler“ heißt die unter anderem vom Verein Hölderlin-Nürtingen initiierte Aktion, die am Montagmorgen stattfand.

Von Lisa Kübler

NÜRTINGEN. Egzona Hyseni und Laura Orlik gehen selbst noch zur Schule. Egzona in die zehnte und Laura in die elfte Klasse des Hölderlin-Gymnasiums. In ihrer freien Zeit machen sie bei der Arbeitsgemeinschaft „Schreibwerkstatt“ mit. Annette Adams leitet sie. „Das ist eine AG für Schüler, die Lust und Freude am Schreiben und am Lesen haben“, sagt die Deutsch-und Englischlehrerin. Diese AG war es, die die Aktion „Schüler führen Schüler“ ins Leben rief. Dabei führen Schüler aus der zehnten oder elften Klasse jüngere Schüler durch Nürtingen und erzählen ihnen etwas aus Friedrich Hölderlins Leben. In diesem Jahr nehmen zehn Klassen vom Hölderlin-Gymnasium und der Mörikeschule teil, dazu gehören Zweit-, Dritt- und Fünftklässler – insgesamt über 200 Kinder.

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Egzona Hyseni und Laura Orlik erzählen der 5a des Hölderlin-Gymnasiums, was es mit dem Nürtinger Hölderlin-Brunnen auf sich hat. Foto: Kübler

Am Montagmorgen nahmen Hyseni und Orlik ihre Schülergruppen alle 15 Minuten am Hölderlin-Brunnen im Empfang. „Für heute wurden wir extra vom Unterricht beurlaubt“, sagt Hyseni. „Der Rest unserer Klassen hat normalen Unterricht.“

Um zehn Uhr war die 5a des Hölderlin-Gymnasiums an der Reihe. Voller Vorfreude kamen sie zusammen mit ihrer Deutschlehrerin Alice Kurz lärmend am Treffpunkt an. „Wer weiß was über Hölderlin?“, so die Frage – und alle schrien durcheinander. Das, was niemand wusste, erzählten Hyseni und Orlik. Zum Beispiel, dass der Brunnen extra zu Hölderlins 200. Geburtstag errichtet wurde. Oder dass genau an der Stelle, an der die Schüler gerade stehen, früher ein Friedhof war. „Gruselig“ finden das die meisten, vor allem die Mädchen.

Während die Kinder gebannt zuhören, erzählt Adams, wie es zu „Schüler führen Schüler“ kam. „Einmal befragte ich mit meinen Schülern Passanten in Nürtingen, was sie über Hölderlin und die entsprechenden Orte in Nürtingen wissen“, erinnert sie sich. Fast niemand habe etwas zu sagen gewusst. „Das fand ich erschreckend“, so Adams. Und dass ältere Schüler solche Dinge den Kindern gut erzählen können, bemerkte sie, als sie die AGler einmal mit in den Unterricht von Jüngeren nahm. „Die Klasse war ganz gebannt von dem, was die Schüler berichteten.“

Den Grund dafür, dass Kinder älteren Schülern aufmerksamer zuhören, sieht sie darin: „Die Wissensdistanz zwischen Schülern ist nicht so groß wie die zwischen Schülern und Lehrern.“ Sinnvoll an den Führungen findet Adams auch, dass die Kinder das, was sie hören, an bestimmte Orte binden können. „Schließlich ist es eine einmalige Chance, diese Orte anzuschauen, wenn man schon in dieser Stadt ist“, sagt Adams.

Dass sie die Orte betrachten kann, ist auch für Camilla Ludwig das Tolle. „Ich finde es super, dass man durch die Stadt läuft und richtig sieht, wo Hölderlin war“, sagt die Zehnjährige. Außerdem findet sie, dass die großen Schüler besser erklären können als die Lehrer. Das sagt auch Alice Kurz, die Lehrerin von Camillas Klasse: „Wenn Schüler etwas erzählen, konzentrieren sie sich auf das, was die Kinder interessieren könnte. Da geht es dann nicht nur um Jahreszahlen, sondern um Dinge aus Hölderlins Leben – Tod, Verderben, Drama – das kommt an.“ Wichtig findet sie auch, dass durch diese Führungen die Beziehung zur eigenen Stadt gestärkt wird.

Es gibt auch einen Lerneffekt für die Älteren

Vorteile sieht Adams nicht nur für die jungen Schüler. „Es gibt auch durchaus einen Lerneffekt für die Älteren. Der Umgang mit den Klassen schult ja auch das Menschliche“, sagt sie.

„So sah Nürtingen früher aus“, sagt Hyseni gerade zu ihren Schützlingen und hält eine Karte von Nürtingen aus dem Mittelalter hoch. Zum Abschluss rezitieren Hyseni und Orlik extra noch ein Gedicht von Hölderlin. Die Fünftklässler lauschen mucksmäuschenstill. Dann geht es für die Klasse weiter zu der nächsten Station, wo drei andere Schüler der Schreibwerkstatt auf sie warten.

Auch am Hölderlin-Brunnen steht die nächste Klasse schon seit einigen Minuten bereit. Gerade vertreiben sie sich ihre Zeit noch auf dem Klettergerüst im Park nebenan. Schon geht es weiter für Hyseni und Orlik. Zwar ist das anstrengend, doch die Mädchen haben Spaß daran. „Ich finde es super, mit Menschen zusammen zu sein, und auch das Rezitieren macht mir sehr viel Spaß“, sagt Hyseni. Und Orlik findet: „Man erweitert ja auch seinen eigenen literarischen Horizont.“ Die Vorarbeit fanden beide nicht schlimm. „Frau Adams hat uns perfekt vorbereitet“, da sind sie sich einig. Und obwohl nicht alle Schüler gleich aufmerksam zugehört haben, findet Hyseni das Publikum gut. „Die jungen Kinder sind die ehrlichsten. Wenn man von ihnen eine gute Rückmeldung bekommt, ist das besonders toll.“ Und wieder stellt sie die Frage: „Wer weiß was über Hölderlin?“ Und wieder schreien alle durcheinander.

NÜRTINGER ZEITUNG vom 28. Juli 2010

Schüler führen Schüler