Zeitlose Lyrik im Dialog mit zeitgenössischen Sounds

Das Hoelder-Projekt bringt Hölderlins Reime mit sphärischen Klängen zusammen – Veranstaltung zum 242. Geburtstag des Dichters in der Kreuzkirche

NÜRTINGEN. Mit ausgewählten Texten des in Lauffen geborenen und in Nürtingen aufgewachsenen Dichters Friedrich Hölderlin und der Musik des aus Dresden angereisten Hoelder-Quartetts begingen am Dienstagabend der Verein Hölderlin-Nürtingen und das Nürtinger Hölderlin-Gymnasium gemeinsam mit Gästen in der Kreuzkirche den 242. Geburtstag des Dichters.

Von Heinz Böhler

Drei Instrumentalisten – ein Cellist, ein Saxophonist und ein Gitarrist – hatten sich um den Sänger und Rezitator Holly Loose versammelt, um mit ihm zusammen Texte des Nürtinger Lyrikers zu vertonen und, man darf das wohl so sagen, sowohl musikalisch als auch in Worten zu interpretieren. Dazu wurden nicht nur die fast klassisch anmutenden Instrumente benutzt, sondern auch jede Menge elektronisches Equipment eingesetzt.

Einem Tierskelett durchaus ähnlich, doch von edlem Holze geschnitzt, präsentierte Benni Gerlach ein wohl einzigartiges Instrument: ein fünfsaitiges Cello, das sonst wohl eher im Heavy-Metal-Bereich zum Einsatz kommt. Dessen Klänge, gestrichen oder gezupft, schickte der Mann mit den roten Dreadlocks häufig durch Echoschleifen, um sie dann wieder aufzunehmen und mit einer weiteren musikalischen Phrase zu überspielen. Des gleichen Tricks bedienten sich auch Karl Helbig mit seinem Saxophon und gegebenenfalls der Querflöte sowie Silvio Schneider mit der Gitarre, um den Klang ihrer Instrumente zu vervielfältigen.

Im Mittelpunkt des Geschehens aber stand der charismatische Sänger und Rezitator Holly Loose, sonst Vokalist der Folkrock-Band Letzte Instanz. Holly Loose erzählte das Leben Friedrich Hölderlins in der Ich-Form, erzählte vom Tod des Stiefvaters, von der ersten Liebe zu Louise Nast, von der Studentenzeit des Dichters und den Zimmergenossen im Stift, Hegel und Schelling, vom ersten Job des Autors als Hofmeister und dem alles entscheidenden Zusammentreffen mit seiner „Diotima“, der Bankiersgattin Suzette Gontard. Es scheinen immer die wichtigen Begebenheiten im Leben Hölderlins gewesen zu sein, die das „Hoelder“-Projekt ausgesucht hat, um dessen Leben in Abschnitte einzuteilen. Leben, Liebe, Ende sind die Großüberschriften, unter denen sich jeweils mehrere Einzelabschnitte vereint finden, zu deren jedem das Quartett eine passende Passage aus den Hymnen des Lyrikers ausgewählt und vertont hatte.

Eine perfekte Beherrschung der Instrumente und das Gefühl für den Moment zeichnen die Musiker aus, die den mit berührender Einfühlsamkeit rezitierten Texten noch die letzte Empfehlung an die Zuhörer mit auf die Reise gaben,. Das machte aus dem Abend in der Kreuzkirche mehr als eine Geburtstagsfeier. Es wurde ein echtes Erlebnis für alle, die den Weg in Nürtingens Kulturtempel gefunden hatten. Denn das Konzert hatte nicht zu übersehende dramaturgische Qualitäten.

Genannt sei zunächst die Gestaltung des Programms um die Achse „Diotima“, den Wendepunkt im Leben Hölderlins, der noch lange, ja, bis zum Ende jenem einen Sommer nachtrauern wird, den er zusammen mit Suzette Gontard, weit weg von deren Gatten, dem Bankier Jakob Friedrich Gontard, verbringen durfte. Von da an ging’s zwar bergab, was die gefühlte Lebensqualität des Protagonisten anging, doch künstlerisch standen noch einige schöpferische Phasen bevor. Musikalisch mischten sich sphärische Jazz-Klänge mit Popanleihen und klassischen Elementen und versuchten die Stimmung, die in den meist selbstreflexiven Texten vorherrscht, einzufangen und weiterzugeben, das gelingt ausnahmslos und lässt den Zuhörer mitleben, -lieben und -leiden. Im Klangbild mischt sich die Gegenwart unter die Vergangenheit und erhellt dadurch die Aktualität vieler Ein- und Ansichten des auf eine Revolution der politischen Verhältnisse hoffenden Dichters.

Einen echten Höhepunkt konnte das Publikum gegen Ende des Programms erleben, als Holly Loose die Verse der „Hälfte des Lebens“ so geschickt mit jenen des hoffnungsfrohen Frühlingsliedes „Komm, lieber Mai“ umschlang, dass durch diese Kontrastierung der Pessimismus des „... weh mir, wo nehm’ ich wenn / es Winter ist die Blumen und wo / den Sonnenschein / und Schatten der Erde?...“ noch mehr zur Geltung kommt.

Die Reise nach Bordeaux, der Tod Susettes, das Scheitern der Versuche, die Französische Revolution nach Württemberg zu importieren, hatten das Gemüt des Dichters bis 1806 so weit zerrüttet, dass man ihn mit Gewalt nach Tübingen zunächst in eine Klinik, dann als unheilbar wahnsinnig zu den Zimmers in den Turm schaffte.

Da war Hölderlin 36 Jahre alt. 37 Jahre später, am 7. Juni 1843, starb er dort, der „gefallene Titan“, wie ihn ein Kollege seinerzeit nannte. Zum Ende des Konzertes gab das Quartett noch einmal den Gesang an die „Diotima“ zum Besten, der Hölderlin wohl auch die im zweiten Band seines Fragment gebliebenen Romans „Hyperion“ eingedruckte Widmung schrieb: „wem sonst, als Dir“.

NÜRTINGER ZEITUNG vom 22. März 2012

Verleihung des Hölderlin-Rings an Bernhard Hurm vom Theater Lindenhof

Mit sphärischen Klängen und Jazzelementen untermalte das Hoelder-Projekt eindrucksvoll Hölderlins Lyrik. heb

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