„Ein kleiner, historischer Moment“

Barbara Leib-Weiner bekam vom Verein Hölderlin-Nürtingen den ersten Hölderlin-Ring verliehen

Den passenden Rahmen für eine feierliche Stunde gab am Mittwochabend die Hölderlin-Abteilung des Nürtinger Stadtmuseums ab. Hier wurde der ehemaligen Lehrerin Barbara Leib-Weiner der erste offizielle Hölderlin-Ring des Vereins Hölderlin-Nürtingen verliehen. Sie hatte sich unter anderem für den Erhalt des Hölderlinhauses eingesetzt

Von Andreas Warausch

NÜRTINGEN. Der Verein will den Ring künftig an Menschen verleihen, die sich um die Person und das Werk des Dichters Friedrich Hölderlin besonders verdient gemacht haben. Er soll die auszeichnen, die die Erinnerung an Hölderlin wachhalten und denen sein künstlerisches Erbe ein Anliegen und eine Herausforderung ist. Den Ring schuf und stiftete der Nürtinger Goldschmied Jürgen Gairing. Er ist auch Zweiter Vorsitzender des Vereins Hölderlin-Nürtingen. Die Hölderlin-Zeile „Drum, so wandle nur wehrlos fort durchs Leben und fürchte nichts“ ist in den Ring graviert. Ein Motto, das auch für die erste Preisträgerin gelten könnte.

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Stolz auf den Ring: Barbara Leib-Weiner mit Jürgen Gairing Foto: Holzwarth

Eingangs des stimmungsvollen Abends aber gab es von der Hausherrin Angela Wagner-Gnan erst einmal ein dickes Lob für den Verein um die Vorsitzende Ingrid Dolde. Lange Zeit habe das Thema Hölderlin nur wenige Spezialisten interessiert. Der Verein aber habe eine „Schleuse hinein in die Bevölkerung“ angelegt.

Die Geehrte hat sich nicht nur für das Hölderlin-Haus starkgemacht

Etwas aufgeregt sei sie, bekannte die Laudatorin Ingrid Dolde angesichts des „kleinen, historischen Moments“, den die erste Ringverleihung bildet. Die Auszeichnung gebühre eigentlich dem Initiativkreis Hölderlinhaus. Schließlich habe dieser maßgeblich zum Erhalt des Hauses, das eigentlich dem Neubau eines Volkshochschul- und Verwaltungsgebäudes hätte weichen sollen, beigetragen.

Dolde erwähnte freilich auch einige Mitstreiter von Barbara Leib-Weiner, darunter Frieder Buck und Hellmut Kuby. Der Ring aber solle getragen werden und könne deshalb nur einer Person verliehen werden. Barbara Leib-Weiner habe sich nicht nur für das Hölderlin-Haus starkgemacht. Sie habe als Deutschlehrerin an der Albert-Schäffle-Schule auch Schüler mit dem Dichter vertraut gemacht und im Jahre 2005 für die Publikation „Ohne Kunst hätte ich nicht leben können“ die Lebensverhältnisse der Familie Hölderlin anschaulich und dadurch die Zeit des Dichters verständlich gemacht.

In ihrer Laudatio blickte Ingrid Dolde zurück auf die Geschichte des bislang verhinderten Abrisses des Hölderlinhauses. Damals habe es zu Beginn des Prozesses von Seiten der Stadt geheißen, das historische Haus sei um das Jahr 1800 abgerissen worden. Fälschlicherweise sei man davon ausgegangen, dass nur der Keller des Hauses aus der Zeit, in der die Hölderlins im Haus lebten, stamme. Dabei, so Ingrid Dolde, habe sich später herausgestellt, dass der Keller am stärksten verändert worden sei. Ein Blick auf die im Stadtarchiv zugänglichen Informationen hätte dies bestätigen können.

Barbara Leib-Weiner habe sich der Sache angenommen. Sie habe die vorhandenen Pläne und Unterlagen im Stadtarchiv studiert und belegt, dass am Hölderlinhaus tatsächlich viel mehr aus der Zeit Hölderlins erhalten ist, als offiziell behauptet worden sei.

So sei sie am 6. März 2008 mit einem Leserbrief in der Nürtinger Zeitung an die Öffentlichkeit getreten, der die Überschrift „Hölderlin ein Kellerkind?“ trug. Der weltweit bewunderte Hölderlin habe in der Stadt gelebt, sei von überall immer wieder zurück in sein Mutterhaus gekommen und habe hier manches seiner bedeutendsten Werke geschrieben, zitierte Dolde diesen Leserbrief. Die Laudatorin: „Zum Glück gibt es Menschen, die sich zu Wort melden, die nachforschen und die Leserbriefe schreiben, die Informationen sammeln und bekanntmachen.“

Mit ihrem Wissen sei Barbara Leib-Weiner schließlich nahezu hausieren gegangen. Mutig und hartnäckig – und das sei bewundernswert, lobte Ingrid Dolde. Das drücke viel über das Wesen der Geehrten aus, die für einen respektvollen und gleichzeitig kritischen Umgang mit Geschichte und Gegenwart stehe. Barbara Leib-Weiner habe die Dokumente bei der Verwaltung, der Presse und in der Öffentlichkeit breit gestreut.

Zwar hätten es lange nur wenige wahrhaben wollen, dennoch sei letztlich – spätestens nach dem sogenannten Gromer-Gutachten – klar geworden, dass am Hölderlinhaus viel mehr aus der Zeit des Dichters stammt als ursprünglich behauptet. Trotzdem habe der Gemeinderatsbeschluss zum Abriss des Hauses noch immer Bestand, mahnte Ingrid Dolde.

Nachdem ihr Jürgen Gairing persönlich den Ring übergeben hatte, bedankte sich Barbara Leib-Weiner für die Auszeichnung. Sie werde den Ring mit Freude und Aufmerksamkeit tragen. Sie bedankte sich auch bei ihren Mitstreitern, mit denen sie eigentlich den Ring teilen müsste. Sie berichtete, wie sie ob der Leichtfertigkeit, mit der man das Haus und das mit ihm verbundene Andenken an Hölderlin habe wegfegen wollen, entsetzt gewesen sei. Der Kreis derer, die sich gegen einen Abriss aussprachen, sei nach und nach immer größer geworden, blickte sie zurück.

Barbara Leib-Weiner ließ all die Geschehnisse noch einmal Revue passieren. Bis zum Punkt, an dem schließlich Oberbürgermeister Otmar Heirich sagte, dass das Haus stehen bleiben müsse. Sie hoffe, dass diese Aussage Gültigkeit behalte. Die frischgebackene Ringträgerin gab aber auch zu, dass ihr lange Zeit niemand die Präsenz des Dichters in der Stadt nahegebracht habe – obwohl sie die Sprache des Dichters schon als Kind geliebt habe. Diese „unentschuldbare Unwissenheit“ zeige ihr, wie wichtig die Arbeit des Vereins Hölderlin-Nürtingen sei.

Wunderbar abgerundet wurde der Abend vom Concerto opus 8 No. 2 von Giuseppe Torelli, das Tobias Frenzel, Lena Schietinger (beide Violine) und Arne Dolde (Cello) vom Neigungskurs Musik des Hölderlin-Gymnasiums beisteuerten. Ein kleiner Höhepunkt war sicherlich auch der Auftritt von Reinmar Wipper, der Hölderlins Jugendgedicht „Die Stille“ rezitierte. In jenem Gedicht hat der Dichter schließlich auch dem umstrittenen Haus ein kleines literarisches Denkmal gesetzt.

NÜRTINGER ZEITUNG vom 22. Januar 2010