„Der Mutter Haus“

Das Hölderlinhaus in Nürtingen spielt in der Lebensgeschichte des Dichters eine große Rolle. Eine Spurensuche.

Von Ingrid Dolde

In dieser Woche jährte sich der Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin zum 242. Mal. Er hat in Nürtingen Spuren hinterlassen. Nicht nur auf Papier. Das Hölderlinhaus zum Beispiel, der ehemalige Schweizerhof, ist ein historisch interessantes Gebäude. Wer die sozial- und baugeschichtlichen Aspekte unter die Lupe nimmt, nähert sich auch dem wichtigsten Teil seiner literarischen Bedeutung. Ein Blick auf die Geschichte des Hölderlinhauses und ein Blick in die Bestands- und Umbaupläne aus dem Jahr 1811 machen deutlich, dass es sich bei diesem Gebäude um kein kleines Objekt handelt. Wessen Wohnhaus gibt schon von der Größe her, dass man es zum Schulgebäude umbauen kann, in dem über 300 Schüler Platz finden?

Quittierung Friedrich Hölderlins über den Empfangs des Stipendiums 15. April 1793

„Den Empfang des Stipendiums von 30 fl bezeugt nebst gehorsamster Danksagung M Hölderlin. Nürtingen. d 15 April 1793“: Das Nürtinger Spital beteiligte sich unmittelbar an den Ausbildungskosten Hölderlins. Das Hospitalsstipendium betrug jährlich während der ersten vier Jahre auf den Klosterschulen oder dem Stuttgarter Gymnasium jeweils 15 Gulden und während der nächsten fünf Jahre auf der Universität 30 Gulden. Das Bild zeigt eine von Hölderlin am 15. April 1793 eigenhändig geschriebene Quittung dieses Stipendiums. Sie wird im Stadtarchiv Nürtingen als Hospital-Rechnung 1792/93, Beilagen-Band II, Nr. 122, aufbewahrt.

Jakob Kocher, der akribische Chronist der Nürtinger Stadtgeschichte, hat „der Mutter Haus“, Hölderlins Wohnhaus in Nürtingen, identifiziert. 1918 hat er der Öffentlichkeit in einem Artikel im „Schwäbischen Merkur“ die Geschichte des Hauses bekannt gemacht. Nun wusste man, wo die Familie Hölderlin/Gock die ersten 24 Jahre in Nürtingen gelebt hatte. Das bauhistorische Gutachten zum Hölderlinhaus, das Dr. Johannes Gromer 2009 erstellte, und sein Artikel in der „Schwäbischen Heimat“ 2011 bieten nun die Möglichkeit, einige Fragen danach, wie die Familie lebte, zu beantworten.

Am Donnerstag, 11. Juli 1918, schreibt Jakob Kocher im „Schwäbischen Merkur“: „Nach einem alten Kaufbuch der Stadt Nürtingen hatte Gock am 30. Juni 1774 ,eine zweistöckige Behausung in der Neckarstaig, zwischen dem herrschaftlichen Schloßgarten und dem Gärtchen, und eine zweistöckige Scheuer allda neben dem Kellereikasten‘ vom dortigen Spital um 4500 Gulden gekauft.

Für uns erhebt sich die Frage: Welches heutige Haus entspricht jenem Gockschen Besitztum? Diese Frage schien fast unlösbar, weil die Bezugnahme von einem neueren ins alte Gebäudekataster fehlt. Da wurde die Parzellennummer jenes Gärtchens – eine nach dem Brande von 1750 nicht mehr aufgebaute Hofstatt – zum Retter. Im Zickzackweg über Kaufbuch, Güterbuch und Gebäudekataster führte mich die kundige Hand von Ratsschreiber Voelmle ans Ziel.

Es ergab sich, daß der Gocksche Besitz der früher zum herrschaftlichen Schloß gehörige Vieh- oder Schweizerhof war, der 1622 von der hier lebenden Herzogin Ursula erbaut, 1748 an den Spitalmeister Jakob Friedrich Duttenhofer verkauft wurde, 1750 beim großen Brand abbrannte, 1751 wieder aufgebaut und nach mehrmaligem Besitzerwechsel und Umbau zum heutigen Knabenvolksschulgebäude in der Neckarsteige wurde. Kammerrat Gock erwarb sich – nach dem Kaufbuch – Güter zu seinem Haus, so daß anzunehmen ist, daß er neben seinem Amt einen nicht unbeträchtlichen landwirtschaftlichen Betrieb hatte. Für Hölderlins Natur- und Heimatliebe [. . .] ist das Aufwachsen inmitten dieses kleinen Hofguts zweifellos von großem Einfluß gewesen.“

Wir wissen heute, dass die Mutter und die Großmutter Hölderlins nach dem Verkauf noch bis Anfang 1798 im Schweizerhof wohnen blieben und erst dann ins Breunlin’sche Haus, heute Kirchstraße 17, zogen. In seiner „Geschichte der Stadt Nürtingen“ schreibt Jakob Kocher über den Schweizerhof: „Eine recht interessante Geschichte hat das Knabenschulhaus in der Neckarsteige. [. . .] Auch nach dem Tode Gocks (1779) behielt die Witwe das Haus bis 1795, wo sie es an Johann Michel Maier, Bäcker, verkaufte, von dessen Erben es dann wieder der Spital im Jahr 1811 erwarb, um es zu einer Schule einzurichten.

Im untersten Stock (in gleicher Höhe mit dem Gärtlein) war 1846 und in den folgenden zehn Jahren vom Spital eine Speiseanstalt eingerichtet, in der während dieser Hungerjahre arme Leute Suppen u. a. umsonst oder gegen billiges Entgelt holen konnten. Im ersten Stock waren die Schulzimmer, im zweiten Stock eine Lehrerwohnung, im dritten Stock seit Errichtung des Seminars die Präparandenanstalt. Die Lehrerwohnung wurde 1880 aufgehoben (letzter Inhaber Schullehrer Balz), die Präparanden übersiedelten 1881 in ein staatliches Gebäude (das sog. Trautweinsche Haus, jetzt ein Teil des Seminars).

Die Kleinkinderschule zog ein, zuerst in den ersten Stock, dann unten hinein (beim Gärtchen) und blieb hier, bis sie im Jahr 1910 ihr eigenes Heim am Kührain bezog. Das Knabenschulhaus in der Neckarsteige wurde 1884/85 im unteren Stockwerk, 1904 im obern und Dachstock erneuert und erweitert; es hat dabei leider seinen ursprünglichen Charakter verloren und ist für die Umgebung zur Unzierde geworden. Die Hölderlintafel wurde 1922 angebracht.“

Die Geschichte des Schweizerhofs, des Wohnhauses der Familie Hölderlin/Gock von 1774 bis 1798, lässt sich nach 1924 als reine Schulgeschichte fortschreiben: seit 1945 Volksschule, von 1973 bis 1979 Hölderlin-Gymnasium und ab 1979 bis heute Volkshochschule.

Im Jahr 2009 erstellte Dr. Johannes Gromer im Auftrag der Stadt Nürtingen ein bauhistorisches Gutachten. Basis ist unter anderem die zeichnerische Bestandsaufnahme mit Umbauplänen zum Schulhaus: „[. . .] Für den geschilderten Neubau des Hölderlinhauses von 1750 liegen uns Grundrisse einer zeichnerischen Bestandsaufnahme des Jahres 1811 von Landbaumeister Dillenius vor, die anlässlich des Verkaufs von Bäckermeister Maier an die Stadt Nürtingen gefertigt wurde.“

Gromer geht von Veränderungen aus, die für eine Bäckerei-Wirtschaft in den Untergeschossen eins und zwei östlich des Gewölbekellers notwendig waren. „Ganz anders dagegen scheint sich die ‚Belle Etage‘, das heutige Erdgeschoss, zwischen 1798 und 1811 kaum verändert zu haben: Das Hauptgebäude gegen die damals Hauptstraße genannte Neckarsteige ist im dritten Stockwerk durch einen mittigen Längsflur geteilt.

Der circa 120 Quadratmeter große Bereich nördlich dieses Flurs gegen die Neckarsteige bildet den aus einer Enfilade von fünf Zimmern bestehenden Wohnbereich der Familie Hölderlin/Gock: Nach Nordosten lag die Wohnstube der Mutter Christiana, daneben mit gemeinsamem Ofen ihre Schlafkammer. An der Nordwest-Ecke befand sich ein ganz ähnliches etwas kleineres Appartement – wohl die Wohnung für die Großmutter Heyn?

Zwischen den beiden Appartements befand sich ein unbeheizter, nur zwei Meter breiter Raum mit Türen zu beiden angrenzenden Schlafräumen: die Kammer für die kleinen Kinder? Der gesamte Bereich ist von außen nur durch die beiden Stubentüren von Osten und Westen zugänglich. Südlich des Längsflurs war im Hauptgebäude gegen den Ostgiebel hin ein ‚Stüblen‘ und die Küche mit Speisekammer angeordnet. Hier hat die Familie Hölderlin/Gock wohl gegessen.

Gegen Westen lag eine große unbeheizte Mägdekammer. Zwischen beiden Bereichen erstreckte sich der großzügige Öhrn mit der Haustür und Treppenverbindungen in die unteren Geschosse sowie hinauf ins Dach. Im Südflügel waren eine Back- und Waschküche sowie eine Gesindestube eingerichtet. Dort befand sich auch der einzige Abort der ‚Belle Etage‘. [. . .] Auch an den Giebelseiten des Mansarddaches nach Osten und Süden waren Zimmer eingerichtet. Sie lagen über den geheizten Räumen der darunter liegenden ‚Belle Etage‘. [. . .] So erscheint es vorstellbar, dass im Ostgiebel des ersten Dachstockes über den Räumen der Mutter die größer gewordenen Kinder Fritz, Rieke und Karl gewohnt haben, mit Blick auf das ‚Gärtlen‘ und die Morgensonne. Vielleicht hat der ‚liebe Fritz‘ als Lateinschüler und ältester Sohn im 35 Quadratmeter großen Zimmer zur Neckarsteige hin gewohnt und seinen ‚Olymp‘ gehabt.“

Hölderlin hat das Nürtinger Bürgerrecht nie aufgegeben

Welche Bedeutung haben nun die 24 Jahre, in denen die Familie im Schweizerhof wohnte? Welche Quellen geben uns Auskunft über Hölderlins Aufenthalte in Nürtingen? Friedrich Hölderlin verbrachte ohne Unterbrechung von 1774 bis 1784 seine Kindheit in Nürtingen. Für Hölderlins Mutter und die Kinder aus ihrer ersten Ehe kaufte Johann Christoph Gock noch kurz vor seinem Tod das Bürgerrecht – seit dem 1. Juni 1778 war Friedrich Hölderlin also Nürtinger Bürger, dieses Bürgerrecht hat er niemals aufgegeben. Er besuchte die Nürtinger Lateinschule und wurde in der Stadtkirche St. Laurentius konfirmiert.

Mit dem Einzug in die niedere Klosterschule in Denkendorf beginnt Hölderlins Mutter die Ausgabenliste „for den L. Friz“, eine Quelle, die uns heute Auskunft über die Aufwendungen und Ausbildungskosten und die privilegierte Stellung der Familie gibt, die zur sogenannten Ehrbarkeit in Württemberg gehörte. Jedoch nicht nur Auskunft über die Ausgaben, sondern auch Auskunft über die Aufenthalte Hölderlins in Nürtingen während der Zeit in Denkendorf 1784 bis 1786, während der Zeit in Maulbronn 1786 bis 1788 und während der Zeit in Tübingen 1788 bis 1793.

Weitere Quellen, die Auskunft über Aufenthaltsorte geben können, sind natürlich Briefe von und an Hölderlin, amtliche Unterlagen, unter anderem die Konsistorialprotokolle, die von Hölderlin selbst quittierten Auszahlungen des Nürtinger Stipendiums, aber auch Einträge in Stammbücher.

Wie viele Manuskripte und Briefe Hölderlins nicht erhalten sind und welchen Anteil daran sein Bruder Karl hat, das lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die überlieferten und in Nürtingen entstandenen Werke und Briefe Hölderlins kann man zwei Adressen zuordnen: dem Schweizerhof, der „Mutter Haus“ von 1774 bis 1798, und der Wohnung der Familie im Breunlin’schen Haus ab 1798.

Die „Nürtinger Gedichte“ aus der Zeit bis 1798 und die aus der Zeit überlieferten Briefe sollen hier vorgestellt werden. Es ist die Zeit vor dem Erscheinen des ersten Bands des „Hyperion“ 1797, in der einige Gedichte Hölderlins bereits in Almanachen abgedruckt wurden. Auch das Fragment des „Hyperion“ erschien 1793 in Schillers „Thalia“.

Der wichtigste Bestimmungsort der Briefe Hölderlins war Nürtingen: das gilt sowohl für den ersten überlieferten Brief Hölderlins vom 27. November 1785 aus Denkendorf an seinen ehemaligen Privatlehrer Nathanael Köstlin, den zweiten Stadtpfarrer in Nürtingen, als auch für fast alle Briefe, die Hölderlin an die Mitglieder der Familie schrieb.

Sind aus dem nur wenige Stunden zu Fuß entfernt liegenden Denkendorf keine direkten Klagen Hölderlins über die Lebensbedingungen überliefert, so kennen wir aus Maulbronn und dem Tübinger Stift umso größere Klagen. An die Mutter schrieb er im Mai 1787: „Dann das sind doch ordentliche Nahrungssorgen, wenn man so nach einem Schluck Caffee, oder nur einem guten Bissen Suppe hungert, und nirgends, nirgends nicht auftreiben kann.“ Und von seiner 1788 unternommenen Reise ins Unterland am Ende des Reisetagebuchs schrieb er an die Mutter: „Freitag d. 6 Juni / Da wär ich nun wieder im Kloster. Es war mir noch nie so eng, ...“

Während des Studiums in Tübingen lassen sich zwei Kuraufenthalte Hölderlins in Nürtingen im Jahr 1789 und ein Kuraufenthalt im August 1792 nachweisen. Den ersten Kururlaub gestattet das Konsistorium am 27. Februar 1789: „. . . daß er nach dem beygelegten Attestate medico ihme benötigte Cur zu Hauß bey den seinigen 4 Wochen lang gebrauchen möge.“ In dieser Zeit überarbeitet er einige Oden, unter anderem „Der Lorbeer“, „Die Demuth“. „Die Stille“ wird um sechs Strophen gekürzt. Am 23. April 1789 wird das Ende der Vakanz im „Catalogus“ vermerkt.

In Nürtingen entstanden viele Gedichte

Das der Schwester Rike versprochene „Liedchen“ über „Schwabens Mägdelein“ schickt Fritz Mitte November im Brief an die Mutter, in diesem teilt er mit: „Erlaubniß. Werde also an nemlichem Tage in der Chaise zurükkehren. Sie sehen, liebste Mamma, meine körperliche, und Seelenumstände sind verstimmt in dieser Lage...“

Zwischen den Semestern, in der Herbstvakanz und diesem Kuraufenthalt war Nürtingen der Entstehungsort einiger Gedichte: die Oden „Einst und Jetzt“, „Weisheit des Traurers“, „An Thills Grab“ entstanden da. Die Mutter vermerkt in der Ausgabenliste: „Rückkehr nach Tübingen. D 22 Decembr. – 10 fl.“

Die Aufenthalte zu den Ostervakanzen bezeugen die von Hölderlin meist selbst unterzeichneten Spitalquittungen: „Den Empfang des Stipendiums von 30 fl bezeugt nebst gehorsamster Danksagung M Hölderlin. Nürtingen. d 15 April 1793.“

In all seinen Briefen an die Familie nach Nürtingen „ins liebe elterliche Haus“ legt Friedrich Hölderlin selbst Zeugnis seines Lebens ab: „Da mach’ ich mich auf in meinem düstern Stüblein, seze mich ans Fenster, blike gegen Morgen, meinem lieben Nürtingen zu, und schreibe –“ in diesem Fall zum Beispiel an die Schwester Rike, Tübingen November 1790.

Im September 1792 wiederum heißt es: „. . . dann geht der ältere ein wenig in die Welt, u. wer weiß, wie bald der fahrende Ritter umkehrt. Ich hab ja noch immer gezeigt, wie wol mir der Mamma Brod schmekt, u. da ist leicht geschehen, daß man draußen das Heimweh kriegt, zumal wenn einen die liebe Mamma so gerne behält, u. vielleicht kaum fort lässt.“

Der „fahrende Ritter“ kehrt allerdings öfter heim, als ihm lieb ist; trotzdem versucht Hölderlin alles, seine Mutter von seinen eigenen Lebensplänen zu überzeugen. So schreibt er aus Tübingen im September 1793 an die Mutter: „Kann ich eine gute Hofmeisterstelle bekommen, so bescheid’ ich mich gerne so lange, mit meinem Jenaischen Project, bis ich vieleicht selbst (wenigstens) die Hälfte des Erforderlichen zusammen gehofmeistert – u. zusammen geschrieben habe. Freilich ists eine ziemlich unfeine Rolle, die ich zu Nürtingen spielen werde, wenn ich mich, Ihrem gütigen Vorschlag nach, bis auf Weiteres zu Hause aufhalten sollte. Ist man auch nicht untätig, so sagen die Leute doch, er verzehrt seiner Mutter das Brod, und nüzt ihr auf der Welt nichts. Auch muß ich fürchten, wenn ich zu lange keinen Platz bekomme, das Konsistorium möchte mich bei’m Kopf kriegen, und mich auf irgend eine Vikariatstelle zu einem Pfarrer hinzwingen, der keinen freiwilligen Vikar bekommen kann.“

Die Briefe aus Waltershausen und Jena an die Familie entstanden in der Zeit vom Dezember 1793 bis Mai 1795. Nach der Heimkehr aus Jena und vor der Abreise nach Frankfurt zur Hofmeisterstelle im Hause Gontard, also im zweiten Halbjahr 1795, sind in Nürtingen folgende Werke entstanden: „Hermokrates an Cephalus“, das Gedicht „An die Natur“ und das Gedicht „Die Unerkannte“. Ende November 1795 fertigte Hölderlin eine für den Verleger Cotta zum Druck bestimmte Reinschrift des „Hyperion“, und zwar die vorletzte Fassung. Sein Bruder Karl half bei der Abschrift; leider sind der Nachwelt hier nur einige Blätter erhalten.

Aus dieser Zeit im Haus der Mutter sind zwei Briefe an Friedrich Schiller überliefert und drei Briefe an Johann Ebel, auf dessen Vermittlung Hölderlin die Hofmeisterstelle bei den Gontards erhielt.

Die drei Briefe an seinen Freund Christian Ludwig Neuffer im November und Dezember 1795 spiegeln Hölderlins Seelenzustand: „Ich bin überhaupt wie ein hohler Hafen, seit ich wieder hier bin, und da mag ich nicht gerne einen Ton von mir geben. Das Unbestimmte meiner Lage, meine Einsamkeit und der Gedanke, daß ich hier allmälig ein lästiger Gast seyn möchte, drükt mich nieder, und so wird mir meine Zeit fast unnütz...“

„Rückkehr in die Heimath“ ist eine einzigartige Huldigung

Am 25. November 1795 schreibt Hölderlin – er wartet noch auf die Zusage aus Frankfurt – an Friedrich Hegel: „... ich werde bis jetzt von den Frankfurtern hingehalten, wegen dem Kriege, wie sie schreiben; [...] Wenn ich nicht bald eine gelegne Hofmeisterstelle finde, so mache ich wieder den Egoisten, suche für jezt keine öffentliche Beschäfftigung, und lege mich aufs Hungerleiden.“

Für die Zeit in Frankfurt (Ende 1795 bis August 1798) und den ersten Aufenthalt in Homburg (September 1798 bis Mai 1800) sind Briefe an die Familie und vor allem an den Bruder Karl überliefert, die vor der familiären Zensur wohl Bestand hatten. Darunter ist auch die für den Ulrichstein, Hölderlins Winkel von Hardt, so wichtige Anmerkung im Brief an Karl Gock (13. Oktober 1796): „Ich dachte... an den schönen Maitagnachmittag, wo wir im Walde bei Hahrd bei einem Kruge Obstwein auf dem Felsen die Hermannsschlacht zusammen lasen. Das waren doch immer goldne Spaziergänge, Lieber, Treuer!“

Anfang 1798 haben die Mutter und die Großmutter eine neue Wohnung bezogen, er schreibt aus Frankfurt im März 1798: „Würd’ ich Ihnen nicht lästig fallen, wenn ich mich ein paar Tage zu Ihnen einquartirte? Sie haben mir noch gar nicht gesagt, in welcher Gegend ich Ihre neue Wohnung suchen müsste. Ich bin in jedem Falle begierig zu wissen, wo ich Sie mir vorzustellen habe.“

Hölderlin reiste nach dem Ende seiner Anstellung als Hofmeister bei den Gontards in Frankfurt zunächst nicht nach Hause, sondern blieb bei seinem Freund Isaac von Sinclair in Homburg. Erst im Juni 1800 kehrte er nach Nürtingen zurück.

Die in dieser Zeit entstandene Ode „Rückkehr in die Heimath“ ist eine einzigartige, wunderbare Huldigung an seine Heimat, die so beginnt: „Ihr milden Lüfte, Boten Italiens! / Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom! / Ihr woogenden Gebirg’, o all ihr / Sonnigen Gipfel, so seid ihr’s wieder!“ Und schließlich endet die Ode mit dem Wunsch: „Nimm und seegne du mein Leben, o Himmel der Heimath, wieder!“

NÜRTINGER ZEITUNG vom 24. März 2012

Hölderlinhaus Nürtingen