Presse

Erhalt des Hölderlinhauses in Nürtingen

„Es wäre trostlos, wenn nichts geschehen würde“

NÜRTINGER ZEITUNG, 27.05.2016 | Von Andreas Warausch

Hölderlinhaus: Auch Peter Härtling unterschreibt Appell für Erhalt der historischen Bausubstanz – OB setzt weiter auf alten Plan

Hölderlinhaus Nürtingen Erhalt

Denkmalgeschützte Tafel mit falscher Aussage zum und am Hölderlinhaus. Foto: Holzwarth

NÜRTINGEN. Eigentlich hatte der Gemeinderat eine Aufstockung des Hölderlinhauses verabschiedet. Aus Geldnot wurde der Plan auf Eis gelegt. Der Verein Hölderlin-Nürtingen sieht darin eine Chance und plädiert nun mit prominenter Unterstützung für eine authentische Sanierung im Bestand. Für die sieht Oberbürgermeister Otmar Heirich aber keine Chance: Entweder die alte Planung werde nun doch angegangen und umgesetzt oder das Haus werde bis zum Hölderlinjahr 2020 nicht im neuen Glanze erstrahlen können.

Gerade einmal acht Jahre ist es her, da wollte der Nürtinger Gemeinderat das Haus, in dem der Dichter Friedrich Hölderlin Kinder- und Jugendjahre verbrachte und in das er immer wieder zur Mutter zurückkam, abreißen. Engagierte Bürger retteten das Gebäude, der Gemeinderat kassierte seinen Abrissbeschluss vor zwei Jahren. Dann sollte es Teil eines Bildungszentrums am Schlossberg mit Räumen für die Volkshochschule und Raum für das Gedenken an Hölderlin werden, zu diesem Zweck wollte man es aufstocken. Bis zum 250. Geburtstag des Dichters 2020 sollte es fertig sein. Angesichts gähnend leerer Stadtkassen wurde aber diese Idee im Frühjahr auf Eis gelegt.

Dem Verein Hölderlin-Nürtingen mit seiner Vorsitzenden Ingrid Dolde war das recht. Denn: Mit der Aufstockung gingen teure Maßnahmen zur Erdbebensicherheit und Brandschutz einher, diese diese Bausubstanz aus der Zeit Hölderlins zerstören. Das führt der Verein in einem Appell aus, den er jüngst per E-Mail an Nürtingens Stadtoberhaupt Otmar Heirich schickte, versehen mit den Namen prominenter Unterstützer. Die Maßnahmen würden „das Haus als Wohnhaus Hölderlins unglaubwürdig machen“. Zudem entstünde ein „unkalkulierbares Kostenrisiko“.

Also: Grundsätzlich müsse die historische Bausubstanz aus Hölderlins Zeit erhalten werden. Das Zauberwort lautet „authentische Sanierung“. Das heißt: Keine Aufstockung und keine Maßnahmen, die historische Substanz zerstören. Und noch eine Forderung formuliert der Verein in seinem Appell: das Haus solle endlich als Denkmal eingestuft werden.

Der Appell des Vereins wird nicht nur von Nürtingern unterstützt. Es finden sich auch durchaus prominente Namen aus akademischen Kreisen weit jenseits der Hölderlinstadt. Da ist zum Beispiel der TV-bekannte Philosophie-Professor Peter Sloterdijk oder seine Professoren-Kollegen Hans-Ulrich Gumbrecht und Winfried Menninghaus mit Publikationen zu Hölderlin, die Filmschaffenden und Hölderlinring-Träger Christa Kozik und Herrmann Zschoche, Schriftsteller wie Navid Kermani, der im letzten Jahr erst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hat.

Und natürlich ganz oben auf der Liste der Nürtinger Ehrenbürger Peter Härtling. Der verbrachte seine Jugendjahre in Nürtingen, wurde einer der bedeutenden deutschen Nachkriegsautoren und machte sich auch mit seinem großen Hölderlin-Roman einen Namen. Die Sache mit dem Hölderlinhaus habe ihn von Anfang an sehr beschäftigt, sagt der 82-Jährige, der bei Frankfurt lebt, im Telefongespräch. „Besorgt und traurig“ sei er. Eine Aufstockung lehnt er ab, weil sie die Linie der Neckarsteige ruiniere. Zudem sei sie „unnütz“. Es gebe andere Räume, die die Volkshochschule nützen könne.

Doch Härtling sieht auch eine andere Gefahr. Was, wenn nun angesichts der Finanznot gar nichts am Haus gemacht werde bis zum Geburtsjahr 2020? Das wäre „beschämend“ für Nürtingen, sagt Härtling. Der Schriftsteller: „Es wäre trostlos, wenn gar nichts geschehe.“ Die anderen Hölderlinstädte wie Tübingen und Lauffen seien rührig. Klar, es fehle Geld in der Stadt. Dennoch habe er einen Wunsch für das Hölderlinhaus: Es solle ein Aufbewahrungsort der lebendigen Erinnerung an Hölderlin werden.

Im Haus sollen Veranstaltungen stattfinden. Und es solle einen Erinnerungsort für Hölderlin mit einer kleinen Ausstellung bekommen. Man könne dort Musik und Malerei zu Hölderlin präsentieren. Damit man ihn dort „hören und sehen“ kann. Mit einer anderen Nutzung wäre sein Wunschhaus durchaus kombinierbar. Ein Blick auf die Liste derer, die den Appell unterstützten, müsste dem Gemeinderat und dem Oberbürgermeister zu denken geben.

Letzterer verweist auf den vom Gemeinderat verhängten Stopp und schaut voller Sorge auf die Entwicklung. „Mit jedem Tag, der vergeht, schwinden die Chancen, es bis 2020 zu realisieren“, sagt Otmar Heirich. Er hofft auf die anstehenden Gespräche zur Haushaltskonsolidierung. Dort werde er die vorliegende und schon beschlossene Planung noch einmal einbringen. Nur dieses Konzept könne man nun noch umsetzen.

Der Oberbürgermeister verweist auf den engen Zeitplan

Zu viel Zeit sei verloren. An der Verschleppung trage auch Ingrid Dolde mit dem Verein Hölderlin-Nürtingen Schuld. Das im Appell geforderte Vorgehen würde eine neue Planung erfordern. Der Zeitplan aber sei sehr eng. Vor den Sommerferien noch müsse man umsteuern und den alten Plan und Beschluss wieder aufgreifen – sonst gelinge nichts mehr.

Außerdem seien Anmietungen für die Volkshochschule als Ersatz für Räume, die ohne Aufstockung wegfielen, unrealistisch. Und auch eine Renovierung im Bestand habe einen (hohen) Preis. Man müsse dennoch Dinge wie Elektrik, Barrierefreiheit oder Brandschutz anpacken. „Das verschlingt auch Millionen“, weiß Heirich. Eine teurere Lösung mit Aufstockung für VHS-Räume könne doch insgesamt wirtschaftlicher sein.

Dauernd bekomme man Knüppel zwischen die Beine geworfen, es würden immer bereits gefasste Beschlüsse wieder in Frage gestellt werden. Dabei wolle man für das Andenken an Hölderlin einen angemessenen Platz schaffen.

Wie Peter Härtling schaut auch er in die anderen Hölderlinstädte am Neckar, die sich für 2020 rüsten. Lauffen habe das Wohnhaus von Hölderlins Familie gekauft und richte es her, Tübingen arbeitet entschlossen am Hölderlin-Turm. Und Nürtingen? Heirich sagt: Man will eine sinnvolle Nutzung des Hauses mit einer Gedenkstätte verbinden. Der OB: „Wir wollen Leute ins Haus bringen.“ Im Haus müsse man Hölderlin atmen können, in allen Räumen, egal was gerade in ihnen stattfinde, fordert er. Doch die Zeit dränge eben. Das Kulturamt habe viele Ideen für Veranstaltungen im Hölderlinjahr 2020, aber die könnten dann nur auch im neu hergerichteten Hölderlinhaus stattfinden, wenn man die alten Planungen schnell wieder aufgreife.

Tafel unter Denkmalschutz

(aw) Tatsächlich stehen am Hölderlinhaus bislang nur drei Gedenktafeln unter Denkmalschutz. Diese seien, so das Landesdenkmalamt 1987, auch ein historisches Dokument für die Heimat des Dichters Hölderlin. Eine der Tafeln ist zum Beispiel eine „gusseiserne Tafel zur Erinnerung an das abgegangene Elternhaus“ Hölderlins. Klar ist aber mittlerweile, dass es sich bei dem Hölderlinhaus sehr wohl um das Wohnhaus Hölderlins handelt. Abgegangen ist es nicht. Das Vorgängergebäude wurde vom Stadtbrand 1750 zerstört, der ein Jahr danach entstandene Neubau wurde zu Hölderlins Elternhaus – und steht noch. Es stellt sich die Frage, warum das Haus nicht unter Denkmalschutz steht, während es die Plaketten, die auf die Bedeutung des Hauses hinweisen, sehr wohl tun.

Über den Verein Hölderlin-Nürtingen. Wir freuen uns auf neue Mitglieder und über Sponsoren für unser Kulturprogramm. Unseren Sponsoren herzlichen Dank – sie machen unsere Beiträge zur Kultur möglich:

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